Honneth, Axel (2007): Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29435-2; 239 S.; 10 EUR.

Rezensiert von Timo Luks

„Pathologien der Vernunft“ versammelt elf Aufsätze Axel Honneths, die allesamt bereits anderweitig veröffentlicht worden sind. In ihrer Gesamtheit wirken sie als facettenreiches, interpretatorisch aber dennoch stringentes Kompendium. Dessen Hauptanliegen, so Honneth im Vorwort, bestehe darin, „über die faktische Disparatheit hinaus auch die mögliche Aktualität der Kritischen Theorie zur Geltung zu bringen“. Die verschiedenen Autoren der Frankfurter Schule, so die zentrale These, gingen allesamt davon aus, dass „die Lebensbedingungen der modernen, kapitalistischen Gesellschaften soziale Praktiken, Einstellungen oder Persönlichkeitsstrukturen erzeugen, die sich in einer pathologischen Verformung unserer Vernunftfähigkeiten niederschlagen“ (S. 7). Damit ist die Linie der Argumentation vorgegeben und zugleich ein angenehmer Nebeneffekt erreicht. Wenn Adorno und Co. immer schon den „Pathologien der Vernunft“ auf der Spur waren, muss Axel Honneth deren legitimer Nachfolger sein; macht doch spätestens die Honneth'sche Kunst des Selbstzitats darauf aufmerksam, dass er gern und oft als Pathologe tätig ist. Der Versuchung, Honneths Aufsatzsammlung als genealogische Nabelschau in selbstlegitimatorischer Absicht zu lesen, wird hier jedoch nicht nachgegeben.
Honneth arbeitet auf verschiedenen Ebenen den konstitutiven Zusammenhang von Geschichtsphilosophie, Genealogie und Kritik heraus, um darin ein wesentliches Element der Kritischen Theorie zu identifizieren. Unter Rückgriff auf die Fortschrittshypothese Kants, d.h. dessen Begründung der Geschichtstheorie in der praktischen Freiheit der Subjekte, sei es den Vertretern der Kritischen Theorie um „die Vermittlung von Theorie und Geschichte in einem Begriff der sozial wirksamen Vernunft“ gegangen (S. 30). Erst diese doppelte Perspektive - historische Erklärung und normative Kritik sozialer Missstände - schuf die Voraussetzung für die Überwindung der angeprangerten Zustände. Theorie und Analyse der Geschichte boten einen aussichtsreichen Weg an, den eigenen kritischen Standpunkt zu gewinnen und zu begründen. Die historisch-genealogische Perspektive ermöglichte es, einen eigentümlichen Prozess sicht- und damit kritisierbar zu machen: das Umschlagen normativer Ideale in herrschaftsstabilisierende, entwürdigende, disziplinierende Praktiken. Honneth bezeichnet diese Perspektive im Titel eines Aufsatzes programmatisch als „Rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt“: „Zu jedem Versuch, unter der Prämisse eines Prozesses der gesellschaftlichen Rationalisierung eine immanente Kritik der Gesellschaft zu betreiben, muß das genealogische Projekt gehören, den tatsächlichen Verwendungskontext moralischer Normen zu studieren; denn ohne den Anspruch einer solchen historischen Prüfung kann sich die Kritik nicht sicher sein, daß die von ihr herangezogenen Ideale in der sozialen Praxis noch die normative Bedeutung besitzen, die sie ursprünglich einmal ausgezeichnet hatte“ (S. 68). Innerhalb dieses Programms zeichneten sich eine spezifische Methodik sowie charakteristische rhetorische Strategien ab. Adorno, aber auch Benjamin, waren der Überzeugung, dass die „zunächst sinnentstellte 'Natur' des Kapitalismus nur von einer spezifischen Form der Hermeneutik entschlüsselt werden konnte, die das empirisch gegebene Material so lange auf mögliche Konstellationen hin variierte, bis sich in einer der dadurch erzeugten Figuren eine Chiffre mit objektivem Bedeutungsgehalt zeigte“ (S. 74). Dies übersetzte sich bei beiden in eine 'Übertreibungskunst', der es als Form idealtypischer Begriffsbildung darum ging, 'Figuren' mit sowohl Veranschaulichungsfunktion als auch Interpretationsleistung zu finden.
Der wohl heikelste Punkt jeder Gesellschaftskritik ist - neben dem eigenen Standpunkt - die Frage nach den Adressaten der Kritik und Trägern der intendierten emanzipatorischen Praxis. Die Kritische Theorie, so Honneth, habe an dieser Stelle beständig auf das Leiden der Subjekte an den pathologischen Zuständen rekurriert, „das ein Interesse an der emanzipatorischen Kraft der Vernunft“ wachhalte (S. 49). Die - wenn auch verschiedentlich verschüttete - Vernunftfähigkeit garantiere, dass die Subjekte für Kritik ansprechbar blieben. Vorausgesetzt wurde dabei immer, dass Leiden - sei es subjektiv empfunden oder objektiv zuschreibbar - einen Wunsch nach Heilung und Befreiung initiiert. Maßgeblicher Bezugspunkt dieses Gedankens war die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die u.a. gezeigt hatte, dass der Mensch ein inhärentes Interesse an der Ausweitung seiner 'inneren Freiheit' habe und über die Fähigkeit verfüge, diese eigenmächtig zu entfalten. Zusammengehalten und gerahmt wurden diese Dimensionen letztlich, so Honneth, von einem „sozialtheoretischem Negativismus“, von „einem gesellschaftstheoretischen Vokabular, das in der basalen Unterscheidung von 'pathologischen' und 'intakten', nicht-pathologischen Verhältnissen begründet ist“ (S. 31).
Am letzten Punkt muss sich freilich eine kritische Frage einklinken: Sollte medizinische Metaphorik in ihrer Anwendung auf gesellschaftliche Zusammenhänge nicht besser auch unter „genealogischen Vorbehalt“ gestellt werden? Gerade die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dürfte hinreichend deutlich gemacht haben, dass die Politik und die Praktiken, die aus einem solchen Metaphernübertrag ableit- und begründbar sind, nicht zwingend die emanzipatorische Stoßrichtung der Kritischen Theorie haben müssen. 'Diagnostizieren', 'Heilen' und 'Therapieren' von 'Pathologien' kann zwar heißen, aufzuklären, zu befreien, zu versöhnen, es kann aber auch Repression, Ausmerzung und Vernichtung bedeuten. Wenn man das Aktualisierungspotential der Kritischen Theorie in ihrer aufklärerischen und emanzipatorischen Pathologik sieht, sollte man die Geschichte der damit evozierten Metaphorik nicht verschleiern. Man hat es hier nicht mit einem harmlosen, unschuldigen, neutralen Vokabular zu tun und sollte es dementsprechend auch nicht naiv fortschreiben. Falls die Kritische Theorie, wie Honneth suggeriert, sich in ihrer Einheit über eine soziale und Vernunftpathologik konstituierte, gehört genau dieser Punkt historisiert, die Ambivalenzen des zeitgenössischen Pathologiediskurses gehören ausgelotet und sein normatives Umschlagen gehört aufgezeigt. Falls die Pathologik lediglich eine von Honneth vorgeschlagene Möglichkeit der Aktualisierung der Kritischen Theorie, mithin eine interessierte, d.h. eine um theoriegeschichtliche Rückversicherung der eigenen Arbeiten bemühte Lesart ist, gilt dies erst recht, und man sollte an diesem Punkt nach Alternativen suchen.
Freilich, insgesamt hat man es mit „Pathologien der Vernunft“ mit einem klugen und interessanten Buch zu tun, dem man gern von der Plausibilisierung der großen These zu interpretatorischen Details und wieder zurück folgt.

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