Rezensiert von Timo Luks
„Pathologien der Vernunft“ versammelt elf
Aufsätze Axel Honneths, die allesamt bereits anderweitig
veröffentlicht worden sind. In ihrer Gesamtheit wirken sie als
facettenreiches, interpretatorisch aber dennoch stringentes Kompendium.
Dessen Hauptanliegen, so Honneth im Vorwort, bestehe darin,
„über die faktische Disparatheit hinaus auch die
mögliche Aktualität der Kritischen Theorie zur
Geltung zu bringen“. Die verschiedenen Autoren der
Frankfurter Schule, so die zentrale These, gingen allesamt davon aus,
dass „die Lebensbedingungen der modernen, kapitalistischen
Gesellschaften soziale Praktiken, Einstellungen oder
Persönlichkeitsstrukturen erzeugen, die sich in einer
pathologischen Verformung unserer Vernunftfähigkeiten
niederschlagen“ (S. 7). Damit ist die Linie der Argumentation
vorgegeben und zugleich ein angenehmer Nebeneffekt erreicht. Wenn
Adorno und Co. immer schon den „Pathologien der
Vernunft“ auf der Spur waren, muss Axel Honneth deren
legitimer Nachfolger sein; macht doch spätestens die
Honneth'sche Kunst des Selbstzitats darauf aufmerksam, dass er gern und
oft als Pathologe tätig ist. Der Versuchung, Honneths
Aufsatzsammlung als genealogische Nabelschau in selbstlegitimatorischer
Absicht zu lesen, wird hier jedoch nicht nachgegeben.
Honneth arbeitet auf verschiedenen Ebenen den konstitutiven
Zusammenhang von Geschichtsphilosophie, Genealogie und Kritik heraus,
um darin ein wesentliches Element der Kritischen Theorie zu
identifizieren. Unter Rückgriff auf die Fortschrittshypothese
Kants, d.h. dessen Begründung der Geschichtstheorie in der
praktischen Freiheit der Subjekte, sei es den Vertretern der Kritischen
Theorie um „die Vermittlung von Theorie und Geschichte in
einem Begriff der sozial wirksamen Vernunft“ gegangen (S.
30). Erst diese doppelte Perspektive - historische Erklärung
und normative Kritik sozialer Missstände - schuf die
Voraussetzung für die Überwindung der angeprangerten
Zustände. Theorie und Analyse der Geschichte boten einen
aussichtsreichen Weg an, den eigenen kritischen Standpunkt zu gewinnen
und zu begründen. Die historisch-genealogische Perspektive
ermöglichte es, einen eigentümlichen Prozess sicht-
und damit kritisierbar zu machen: das Umschlagen normativer Ideale in
herrschaftsstabilisierende, entwürdigende, disziplinierende
Praktiken. Honneth bezeichnet diese Perspektive im Titel eines
Aufsatzes programmatisch als „Rekonstruktive
Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt“:
„Zu jedem Versuch, unter der Prämisse eines
Prozesses der gesellschaftlichen Rationalisierung eine immanente Kritik
der Gesellschaft zu betreiben, muß das genealogische Projekt
gehören, den tatsächlichen Verwendungskontext
moralischer Normen zu studieren; denn ohne den Anspruch einer solchen
historischen Prüfung kann sich die Kritik nicht sicher sein,
daß die von ihr herangezogenen Ideale in der sozialen Praxis
noch die normative Bedeutung besitzen, die sie ursprünglich
einmal ausgezeichnet hatte“ (S. 68). Innerhalb dieses
Programms zeichneten sich eine spezifische Methodik sowie
charakteristische rhetorische Strategien ab. Adorno, aber auch
Benjamin, waren der Überzeugung, dass die
„zunächst sinnentstellte 'Natur' des Kapitalismus
nur von einer spezifischen Form der Hermeneutik entschlüsselt
werden konnte, die das empirisch gegebene Material so lange auf
mögliche Konstellationen hin variierte, bis sich in einer der
dadurch erzeugten Figuren eine Chiffre mit objektivem Bedeutungsgehalt
zeigte“ (S. 74). Dies übersetzte sich bei beiden in
eine 'Übertreibungskunst', der es als Form idealtypischer
Begriffsbildung darum ging, 'Figuren' mit sowohl
Veranschaulichungsfunktion als auch Interpretationsleistung zu finden.
Der wohl heikelste Punkt jeder Gesellschaftskritik ist - neben dem
eigenen Standpunkt - die Frage nach den Adressaten der Kritik und
Trägern der intendierten emanzipatorischen Praxis. Die
Kritische Theorie, so Honneth, habe an dieser Stelle beständig
auf das Leiden der Subjekte an den pathologischen Zuständen
rekurriert, „das ein Interesse an der emanzipatorischen Kraft
der Vernunft“ wachhalte (S. 49). Die - wenn auch
verschiedentlich verschüttete - Vernunftfähigkeit
garantiere, dass die Subjekte für Kritik ansprechbar blieben.
Vorausgesetzt wurde dabei immer, dass Leiden - sei es subjektiv
empfunden oder objektiv zuschreibbar - einen Wunsch nach Heilung und
Befreiung initiiert. Maßgeblicher Bezugspunkt dieses
Gedankens war die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die u.a. gezeigt hatte,
dass der Mensch ein inhärentes Interesse an der Ausweitung
seiner 'inneren Freiheit' habe und über die Fähigkeit
verfüge, diese eigenmächtig zu entfalten.
Zusammengehalten und gerahmt wurden diese Dimensionen letztlich, so
Honneth, von einem „sozialtheoretischem
Negativismus“, von „einem
gesellschaftstheoretischen Vokabular, das in der basalen Unterscheidung
von 'pathologischen' und 'intakten', nicht-pathologischen
Verhältnissen begründet ist“ (S. 31).
Am letzten Punkt muss sich freilich eine kritische Frage einklinken:
Sollte medizinische Metaphorik in ihrer Anwendung auf gesellschaftliche
Zusammenhänge nicht besser auch unter
„genealogischen Vorbehalt“ gestellt werden? Gerade
die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
dürfte hinreichend deutlich gemacht haben, dass die Politik
und die Praktiken, die aus einem solchen Metaphernübertrag
ableit- und begründbar sind, nicht zwingend die
emanzipatorische Stoßrichtung der Kritischen Theorie haben
müssen. 'Diagnostizieren', 'Heilen' und 'Therapieren' von
'Pathologien' kann zwar heißen, aufzuklären, zu
befreien, zu versöhnen, es kann aber auch Repression,
Ausmerzung und Vernichtung bedeuten. Wenn man das
Aktualisierungspotential der Kritischen Theorie in ihrer
aufklärerischen und emanzipatorischen Pathologik sieht, sollte
man die Geschichte der damit evozierten Metaphorik nicht verschleiern.
Man hat es hier nicht mit einem harmlosen, unschuldigen, neutralen
Vokabular zu tun und sollte es dementsprechend auch nicht naiv
fortschreiben. Falls die Kritische Theorie, wie Honneth suggeriert,
sich in ihrer Einheit über eine soziale und Vernunftpathologik
konstituierte, gehört genau dieser Punkt historisiert, die
Ambivalenzen des zeitgenössischen Pathologiediskurses
gehören ausgelotet und sein normatives Umschlagen
gehört aufgezeigt. Falls die Pathologik lediglich eine von
Honneth vorgeschlagene Möglichkeit der Aktualisierung der
Kritischen Theorie, mithin eine interessierte, d.h. eine um
theoriegeschichtliche Rückversicherung der eigenen Arbeiten
bemühte Lesart ist, gilt dies erst recht, und man sollte an
diesem Punkt nach Alternativen suchen.
Freilich, insgesamt hat man es mit „Pathologien der
Vernunft“ mit einem klugen und interessanten Buch zu tun, dem
man gern von der Plausibilisierung der großen These zu
interpretatorischen Details und wieder zurück folgt.
Den Artikel als pdf
Bitte zitieren Sie nach der pdf-Version.
Wir schlagen folgende Zitation vor:
Luks, Timo (2007): Rezension zu Honneth, Axel (2007): Pathologien der Vernunft. Geschichte und
Gegenwart der Kritischen Theorie, in: fastforeword 1, Heft 1–07, S. 33–35.
http://ffw.denkraeume-ev.de/
1–07/luks–honneth.pdf
