Rezensiert von Andreas Schneider
Der von dem Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll herausgegebene und
hier zu rezensierende Sammelband weckt hohe Erwartungen.
Schließlich setzt er sich das ambitionierte Ziel, einen
ersten „Aufriß zur Neuverortung des deutschen
Konservatismus nach 1945“ zu leisten, diesen „in
ausgewählten Aspekten“ vorzustellen sowie
„in den zeitgeschichtlichen Horizont“ einzubetten
(S. Vf.). Da die Erforschung konservativer Milieus, Netzwerke und
Ideengebäude in der Bundesrepublik noch in den
Anfängen steckt, ist ein solches Unterfangen nur zu
begrüßen.
Der Band präsentiert ein breites Repertoire an
Beiträgen, die sich zum einen mit Institutionen und
Organisationen beschäftigen, denen mithin eine eher
konservative Orientierung zugesprochen wird. So befasst sich der Jurist
und Verwaltungsbeamte Josef Schüßlburner mit den
konservativen Elementen des Berufsbeamtentums und deren Bedeutung
für den Konservatismus als politische Strömung. Dabei
gelangt er jedoch zu dem Ergebnis, dass es letzterem wenig genutzt
habe, „daß mit dem Berufsbeamtentum an durchaus
zentraler Stelle und mit erheblichem verfassungspolitischem Gewicht
unter ungünstigen Bedingungen ein konservativer Ideengehalt
verfassungsrechtlich verankert werden konnte“, da der
Konservatismus „aufgrund der ideologisch-politischen
Machtverteilung“ (S. 53) zu stark in die Defensive
gedrängt worden sei. Zu einem ähnlichen Resultat
kommt Klaus Hammel, der sich mit „konservativen
Ansätze[n] in der geschichtlichen Entwicklung der
Bundeswehr“ beschäftigt und konstatiert, dass eine
Übertragung konservativer Wertvorstellungen aus der Armee auf
die Gesellschaft in der Nachkriegszeit missglückt sei:
„Umgebende Gesellschaft und Bundeswehr haben sich mit Blick
auf die Akzeptanz und Praktizierung konservativer Einstellungen immer
stärker voneinander entfernt“ (S. 81).
Schließlich liefert der Würzburger Historiker
Matthias Stickler einen soliden Überblick über die
Politik der Vertriebenenverbände, der auf seiner 2004
erschienenen Habilitationsschrift fußt.
Zum anderen behandeln die Aufsätze maßgebliche
Vertreter der konservativen Publizistik, Wissenschaft und Intelligenz.
Dabei untersucht Felix Dirsch das konservativ-katholische Milieu der
1950er Jahre anhand der Zeitschrift „Neues
Abendland“; und Hans B. von Sothen porträtiert den
Journalisten Hans Zehrer, der in der Spätphase der Weimarer
Republik führender Kopf des
konservativ-revolutionären „Tat“-Kreises
war und nach dem Krieg zum Chefredakteur der „Welt“
aufstieg. Der Politologe Klaus Hornung widmet sich sodann dem bekannten
und umstrittenen Historiker Hans Rothfels; der Jurist Ulrich E.
Zellenberg rekonstruiert die verfassungstheoretischen Entwürfe
der größtenteils von Carl Schmitt beeinflussten
Staatsrechtslehrer Ernst-Wolfgang Böckenförde, Josef
Isensee, Herbert Krüger und Helmut Quaritsch; und Michael
Henkel untersucht in seinem lesenswerten Beitrag u.a. das Problem des
Konservatismus im Spätwerk des Politikwissenschaftlers Eric
Voegelin. Er stellt fest, dass Voegelins Denken inhaltlich zwar
„prämodern“ gewesen sei, formal betrachtet
aber durchaus moderne Züge angenommen habe, „als es
im Gewand eines gesinnungsethischen Moralismus auftritt, der in der
Selbstgewißheit des Besitzes der richtigen Einsicht dem
Duktus mancher der von Voegelin so sehr kritisierten Aufklärer
nicht unähnlich“ (S. 260) sei. Die letzten drei
Artikel wenden sich schließlich dem kulturkritischen
Publizisten Friedrich Sieburg (Hans-Christof Kraus), dem
berüchtigten Antikommunisten William S. Schlamm (Susanne
Peters) sowie dem rechtsintellektuellen Kreis um Heimo Schwilk, Ulrich
Schacht und Rainer Zitelmann zu, der Anfang der 1990er Jahre mit dem
Sammelband „Die selbstbewußte Nation“
für Aufsehen gesorgt hatte (Stefan Winckler).
Gerahmt werden die hier skizzierten Aufsätze durch den
einleitenden Text des Herausgebers. Darin vertritt Frank-Lothar Kroll
die von den meisten Autoren und Autorinnen des Bandes geteilte These,
dass in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit anfänglich
„konservative gesellschafts- und kulturpolitische
Ordnungsmuster“ (S. 17) dominiert hätten. Im Laufe
der sechziger Jahre seien aber zunächst durch die
„Ideologie des Konsensliberalismus“ (S. 19) und
schließlich durch die Proteste der Studentenbewegung eine
„Demontage konservativer Wertvorstellungen“ und ein
„Umbruch in der intellektuellen Mentalität
Westdeutschlands“ (ebd.) erfolgt. Dass dabei die
demokratische Grundordnung der Bundesrepublik nicht durch
„das zerstörerische und in hohem Grade
gewaltorientierte Potential revolutionärer Utopien und
Umwälzungsphantasien“ beseitigt worden ist, sei vor
allem den konservativen Gegnern des „Fundamentalprotests von
1968“ (S. 20) zu verdanken. Entsprechend argumentiert Clemens
Albrecht in seinem konzeptionellen Beitrag zu einer Wirkungsgeschichte
des bundesdeutschen Konservatismus: „Es ist und war die
wesentliche, substantielle Leistung des westdeutschen Konservatismus,
die Revolutionshoffnungen verhindert und die ’68er in den
Prozeß argumentativ gestützter Mehrheitensuche
gezwungen zu haben […]“ (S. 33). An dieser
äußerst zugespitzten These sind berechtigte Zweifel
erlaubt: Erstens waren es mitnichten lediglich konservative
Kräfte, die das revolutionäre Potential der
protestierenden Jugend kanalisierten. Erinnert sei hier nicht zuletzt
an die Integrationsleistung der Sozialdemokratie, die einen
beträchtlichen Teil der revoltierenden jungen Generation zu
absorbieren und zähmen vermochte. Zweitens wird nicht recht
klar, welche konservativen Protagonisten nun maßgeblich mit
dazu beigetragen haben sollen, die Revolution zu verhindern.
Während Kroll vorrangig eine intellektuelle Rechte jenseits
der CDU/CSU im Sinn zu haben scheint (S. 5), verweist Albrecht vor
allem auf die Eltern der studentischen Revolutionäre,
Polizisten und Professoren. Kann man aber überhaupt pauschal
von den Konservativen sprechen? Ist es nicht notwendig, hier viel
stärker zu differenzieren? Zwischen dem Liberalkonservatismus
eines Hermann Lübbe und „ideologischen
Modernisierer[n] des Konservatismus“ wie Gerd-Klaus
Kaltenbrunner bestehen schließlich gravierende
Unterschiede.[1] Drittens: Wenn man schon eine so fragwürdige
These mehrfach postuliert, sollte der Band wenigstens zu deren
empirischer Untermauerung beitragen. Davon kann allerdings keine Rede
sein: Mit Ausnahme des Aufsatzes von Stefan Winckler, der sich der Zeit
nach der Wiedervereinigung zuwendet, konzentrieren sich alle anderen
Beiträge auf die 1950er und frühen 1960er Jahre. Um
aber die Frage beantworten zu können, ob es
tatsächlich „die“ Konservativen waren, die
den revolutionären Umsturz der Gesellschaft verhinderten,
wäre vor allem ein Blick in die 1970er Jahre vonnöten
gewesen. Über diese Dekade erfahren die Leser und Leserinnen
indes überhaupt nichts. Zudem wohnt der Argumentation viertens
ein immanenter Widerspruch inne: Wenn Kroll darüber klagt,
dass es in der Bundesrepublik keine „Rechte“
gegeben habe, „die zählte“ (S. 5), fragt
sich der Rezensent allerdings, wie es diesem marginalisierten
Häuflein Konservativer gelingen konnte, die nicht geringe Zahl
protestierender junger Menschen im Zaume zu halten!
Doch auch jenseits der Fragwürdigkeit seiner zentralen These
offenbart der Sammelband weitere Defizite, die es verbieten, in ihm
eine substantielle Bereicherung für die Erforschung des
deutschen Konservatismus nach 1945 zu erblicken.[2] Zum einen muss
angemerkt werden, dass mehrere Beiträge entgegen dem eigenen
Anspruch jegliche Einbettung in den zeithistorischen Kontext vermissen
lassen (dies fällt insbesondere bei
Schüßlburner, Hammel und Zellenberg auf). Weiterhin
wird nur in einem einzigen Aufsatz (Sothen) auf
unveröffentlichtes Archivmaterial zurückgegriffen.
Die meisten anderen Beiträge bieten dagegen wenig Neues.
Für einen Band mit dem Anspruch, eine Neuverortung des
Nachkriegskonservatismus zu leisten, ist dies leider recht wenig. Zudem
liegt der Fokus unübersehbar auf intellektuellen und
wissenschaftlichen Kontexten. Dagegen hätte dem Werk eine
sozialgeschichtliche Fundierung durchaus gutgetan. Gewünscht
hätte man sich hier etwa einen Blick auf
kleinstädtische und ländliche konservative Milieus,
wie sie etwa Frank Bösch in einer wegweisenden Studie
untersucht hat. Kaum nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang, dass
sein Buch überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.[3]
Konservative Politiker oder die Unionsparteien finden ebenfalls keine
Berücksichtigung, letztere vermutlich, weil sie dem
Herausgeber wohl nicht konservativ genug sind. Dabei, darauf hat Frank
Bösch jüngst hingewiesen, ist doch gerade die
Erfolgsstory der CDU und insbesondere ihrer Schwesterpartei CSU
keinesfalls ein Anzeichen für den Niedergang des
Konservatismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4]
Am ärgerlichsten ist jedoch die nahezu allen
Aufsätzen inhärente apologetische Grundtendenz, die
darin zum Ausdruck kommt, konservatives Gedankengut gegen den
„Bannstrahl einer allzu zeitgeisthörigen
Historiographie“ (Hornung, S. 207) verteidigen und
rehabilitieren zu wollen. Dieser Duktus zeigt sich besonders
unerträglich in dem Beitrag des Passauer Historikers
Hans-Christof Kraus, dessen Ziel vor allem darin besteht, die
„politischen Verdienste“ (S. 274) Friedrich
Sieburgs aufzuzeigen und eine „gründliche
Wiederentdeckung dieses Autors“ (S. 297) anzumahnen. Das mag
vielleicht dem politischen Feuilleton angemessen sein, ist aber einer
zeithistorischen Analyse wenig zuträglich. An mehreren Stellen
des Bandes wird darüber hinaus gegen eine „dubiose
,Geschichtspolitik‘“ polemisiert (so etwa bei
Hornung, S. 202; vgl. auch Stickler, S. 87). Dagegen hätte es
die intellektuelle Redlichkeit verlangt zuzugeben, dass es sich auch
bei diesem Werk um nichts mehr als ein geschichtspolitisches Manifest
handelt …
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Bitte zitieren Sie nach der pdf-Version.
Wir schlagen folgende Zitation vor:
Schneider, Andreas (2007): Rezension zu Kroll, Frank-Lothar (2005): Die kupierte Alternative.
Konservatismus in Deutschland nach 1945 (Studien und Texte zur
Erforschung des Konservatismus, Bd. 6), in: fastforeword 1, Heft 1–07, S. 36–39.
http://ffw.denkraeume-ev.de/
1–07/schneider-kroll.pdf
