Frank-Lothar Kroll (Hg.) (2005): Die kupierte Alternative. Konservatismus in Deutschland nach 1945 (Studien und Texte zur Erforschung des Konservatismus, Bd. 6), Berlin: Duncker & Humblot. ISBN: 3-428-11781-6; 347 S.; 78 EUR.

Rezensiert von Andreas Schneider

Der von dem Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll herausgegebene und hier zu rezensierende Sammelband weckt hohe Erwartungen. Schließlich setzt er sich das ambitionierte Ziel, einen ersten „Aufriß zur Neuverortung des deutschen Konservatismus nach 1945“ zu leisten, diesen „in ausgewählten Aspekten“ vorzustellen sowie „in den zeitgeschichtlichen Horizont“ einzubetten (S. Vf.). Da die Erforschung konservativer Milieus, Netzwerke und Ideengebäude in der Bundesrepublik noch in den Anfängen steckt, ist ein solches Unterfangen nur zu begrüßen.
Der Band präsentiert ein breites Repertoire an Beiträgen, die sich zum einen mit Institutionen und Organisationen beschäftigen, denen mithin eine eher konservative Orientierung zugesprochen wird. So befasst sich der Jurist und Verwaltungsbeamte Josef Schüßlburner mit den konservativen Elementen des Berufsbeamtentums und deren Bedeutung für den Konservatismus als politische Strömung. Dabei gelangt er jedoch zu dem Ergebnis, dass es letzterem wenig genutzt habe, „daß mit dem Berufsbeamtentum an durchaus zentraler Stelle und mit erheblichem verfassungspolitischem Gewicht unter ungünstigen Bedingungen ein konservativer Ideengehalt verfassungsrechtlich verankert werden konnte“, da der Konservatismus „aufgrund der ideologisch-politischen Machtverteilung“ (S. 53) zu stark in die Defensive gedrängt worden sei. Zu einem ähnlichen Resultat kommt Klaus Hammel, der sich mit „konservativen Ansätze[n] in der geschichtlichen Entwicklung der Bundeswehr“ beschäftigt und konstatiert, dass eine Übertragung konservativer Wertvorstellungen aus der Armee auf die Gesellschaft in der Nachkriegszeit missglückt sei: „Umgebende Gesellschaft und Bundeswehr haben sich mit Blick auf die Akzeptanz und Praktizierung konservativer Einstellungen immer stärker voneinander entfernt“ (S. 81). Schließlich liefert der Würzburger Historiker Matthias Stickler einen soliden Überblick über die Politik der Vertriebenenverbände, der auf seiner 2004 erschienenen Habilitationsschrift fußt.
Zum anderen behandeln die Aufsätze maßgebliche Vertreter der konservativen Publizistik, Wissenschaft und Intelligenz. Dabei untersucht Felix Dirsch das konservativ-katholische Milieu der 1950er Jahre anhand der Zeitschrift „Neues Abendland“; und Hans B. von Sothen porträtiert den Journalisten Hans Zehrer, der in der Spätphase der Weimarer Republik führender Kopf des konservativ-revolutionären „Tat“-Kreises war und nach dem Krieg zum Chefredakteur der „Welt“ aufstieg. Der Politologe Klaus Hornung widmet sich sodann dem bekannten und umstrittenen Historiker Hans Rothfels; der Jurist Ulrich E. Zellenberg rekonstruiert die verfassungstheoretischen Entwürfe der größtenteils von Carl Schmitt beeinflussten Staatsrechtslehrer Ernst-Wolfgang Böckenförde, Josef Isensee, Herbert Krüger und Helmut Quaritsch; und Michael Henkel untersucht in seinem lesenswerten Beitrag u.a. das Problem des Konservatismus im Spätwerk des Politikwissenschaftlers Eric Voegelin. Er stellt fest, dass Voegelins Denken inhaltlich zwar „prämodern“ gewesen sei, formal betrachtet aber durchaus moderne Züge angenommen habe, „als es im Gewand eines gesinnungsethischen Moralismus auftritt, der in der Selbstgewißheit des Besitzes der richtigen Einsicht dem Duktus mancher der von Voegelin so sehr kritisierten Aufklärer nicht unähnlich“ (S. 260) sei. Die letzten drei Artikel wenden sich schließlich dem kulturkritischen Publizisten Friedrich Sieburg (Hans-Christof Kraus), dem berüchtigten Antikommunisten William S. Schlamm (Susanne Peters) sowie dem rechtsintellektuellen Kreis um Heimo Schwilk, Ulrich Schacht und Rainer Zitelmann zu, der Anfang der 1990er Jahre mit dem Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ für Aufsehen gesorgt hatte (Stefan Winckler).
Gerahmt werden die hier skizzierten Aufsätze durch den einleitenden Text des Herausgebers. Darin vertritt Frank-Lothar Kroll die von den meisten Autoren und Autorinnen des Bandes geteilte These, dass in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit anfänglich „konservative gesellschafts- und kulturpolitische Ordnungsmuster“ (S. 17) dominiert hätten. Im Laufe der sechziger Jahre seien aber zunächst durch die „Ideologie des Konsensliberalismus“ (S. 19) und schließlich durch die Proteste der Studentenbewegung eine „Demontage konservativer Wertvorstellungen“ und ein „Umbruch in der intellektuellen Mentalität Westdeutschlands“ (ebd.) erfolgt. Dass dabei die demokratische Grundordnung der Bundesrepublik nicht durch „das zerstörerische und in hohem Grade gewaltorientierte Potential revolutionärer Utopien und Umwälzungsphantasien“ beseitigt worden ist, sei vor allem den konservativen Gegnern des „Fundamentalprotests von 1968“ (S. 20) zu verdanken. Entsprechend argumentiert Clemens Albrecht in seinem konzeptionellen Beitrag zu einer Wirkungsgeschichte des bundesdeutschen Konservatismus: „Es ist und war die wesentliche, substantielle Leistung des westdeutschen Konservatismus, die Revolutionshoffnungen verhindert und die ’68er in den Prozeß argumentativ gestützter Mehrheitensuche gezwungen zu haben […]“ (S. 33). An dieser äußerst zugespitzten These sind berechtigte Zweifel erlaubt: Erstens waren es mitnichten lediglich konservative Kräfte, die das revolutionäre Potential der protestierenden Jugend kanalisierten. Erinnert sei hier nicht zuletzt an die Integrationsleistung der Sozialdemokratie, die einen beträchtlichen Teil der revoltierenden jungen Generation zu absorbieren und zähmen vermochte. Zweitens wird nicht recht klar, welche konservativen Protagonisten nun maßgeblich mit dazu beigetragen haben sollen, die Revolution zu verhindern. Während Kroll vorrangig eine intellektuelle Rechte jenseits der CDU/CSU im Sinn zu haben scheint (S. 5), verweist Albrecht vor allem auf die Eltern der studentischen Revolutionäre, Polizisten und Professoren. Kann man aber überhaupt pauschal von den Konservativen sprechen? Ist es nicht notwendig, hier viel stärker zu differenzieren? Zwischen dem Liberalkonservatismus eines Hermann Lübbe und „ideologischen Modernisierer[n] des Konservatismus“ wie Gerd-Klaus Kaltenbrunner bestehen schließlich gravierende Unterschiede.[1] Drittens: Wenn man schon eine so fragwürdige These mehrfach postuliert, sollte der Band wenigstens zu deren empirischer Untermauerung beitragen. Davon kann allerdings keine Rede sein: Mit Ausnahme des Aufsatzes von Stefan Winckler, der sich der Zeit nach der Wiedervereinigung zuwendet, konzentrieren sich alle anderen Beiträge auf die 1950er und frühen 1960er Jahre. Um aber die Frage beantworten zu können, ob es tatsächlich „die“ Konservativen waren, die den revolutionären Umsturz der Gesellschaft verhinderten, wäre vor allem ein Blick in die 1970er Jahre vonnöten gewesen. Über diese Dekade erfahren die Leser und Leserinnen indes überhaupt nichts. Zudem wohnt der Argumentation viertens ein immanenter Widerspruch inne: Wenn Kroll darüber klagt, dass es in der Bundesrepublik keine „Rechte“ gegeben habe, „die zählte“ (S. 5), fragt sich der Rezensent allerdings, wie es diesem marginalisierten Häuflein Konservativer gelingen konnte, die nicht geringe Zahl protestierender junger Menschen im Zaume zu halten!
Doch auch jenseits der Fragwürdigkeit seiner zentralen These offenbart der Sammelband weitere Defizite, die es verbieten, in ihm eine substantielle Bereicherung für die Erforschung des deutschen Konservatismus nach 1945 zu erblicken.[2] Zum einen muss angemerkt werden, dass mehrere Beiträge entgegen dem eigenen Anspruch jegliche Einbettung in den zeithistorischen Kontext vermissen lassen (dies fällt insbesondere bei Schüßlburner, Hammel und Zellenberg auf). Weiterhin wird nur in einem einzigen Aufsatz (Sothen) auf unveröffentlichtes Archivmaterial zurückgegriffen. Die meisten anderen Beiträge bieten dagegen wenig Neues. Für einen Band mit dem Anspruch, eine Neuverortung des Nachkriegskonservatismus zu leisten, ist dies leider recht wenig. Zudem liegt der Fokus unübersehbar auf intellektuellen und wissenschaftlichen Kontexten. Dagegen hätte dem Werk eine sozialgeschichtliche Fundierung durchaus gutgetan. Gewünscht hätte man sich hier etwa einen Blick auf kleinstädtische und ländliche konservative Milieus, wie sie etwa Frank Bösch in einer wegweisenden Studie untersucht hat. Kaum nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang, dass sein Buch überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.[3] Konservative Politiker oder die Unionsparteien finden ebenfalls keine Berücksichtigung, letztere vermutlich, weil sie dem Herausgeber wohl nicht konservativ genug sind. Dabei, darauf hat Frank Bösch jüngst hingewiesen, ist doch gerade die Erfolgsstory der CDU und insbesondere ihrer Schwesterpartei CSU keinesfalls ein Anzeichen für den Niedergang des Konservatismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4]
Am ärgerlichsten ist jedoch die nahezu allen Aufsätzen inhärente apologetische Grundtendenz, die darin zum Ausdruck kommt, konservatives Gedankengut gegen den „Bannstrahl einer allzu zeitgeisthörigen Historiographie“ (Hornung, S. 207) verteidigen und rehabilitieren zu wollen. Dieser Duktus zeigt sich besonders unerträglich in dem Beitrag des Passauer Historikers Hans-Christof Kraus, dessen Ziel vor allem darin besteht, die „politischen Verdienste“ (S. 274) Friedrich Sieburgs aufzuzeigen und eine „gründliche Wiederentdeckung dieses Autors“ (S. 297) anzumahnen. Das mag vielleicht dem politischen Feuilleton angemessen sein, ist aber einer zeithistorischen Analyse wenig zuträglich. An mehreren Stellen des Bandes wird darüber hinaus gegen eine „dubiose ,Geschichtspolitik‘“ polemisiert (so etwa bei Hornung, S. 202; vgl. auch Stickler, S. 87). Dagegen hätte es die intellektuelle Redlichkeit verlangt zuzugeben, dass es sich auch bei diesem Werk um nichts mehr als ein geschichtspolitisches Manifest handelt …

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