Der vorliegende Aufsatz widmet sich dem Hamburger Soziologen Andreas
Walther. Dieser mittlerweile nahezu in Vergessenheit geratene Vertreter
seiner Zunft gilt innerhalb der soziologiehistorischen Forschung als
„Paradepferd der empirischen
NS-Großstadtsoziologie“ (Gutberger). Bereits Ende
der 1920er Jahre hatte Walther am Hamburger Seminar für
Soziologie Planungen für empirische Untersuchungen ins Auge
gefasst, die in ihrer Gesamtschau einen
„Sozialatlas“ ergeben und somit
gegenständlich und schnell eine „synoptische
Gesamt-Schau der sozialen Verhältnisse“ von Hamburg
ermöglichen sollten.[1] 1928 bekam Walther von der
Hochschulbehörde bescheidene finanzielle Mittel bewilligt,
doch erst nach der nationalsozialistischen Machtübernahme
ließen sich in enger Kooperation mit den
Verwaltungsbürokratien umfangreiche Untersuchungen
innerstädtischer „Sanierungsgebiete“
(Walther) realisieren. In deren Rahmen intendierte Walther eine
„eingehende Untersuchung gemeinschädlicher
Regionen“, um „an der Gesundung unseres Volkslebens
in der Großstadt mitzuarbeiten“.[2]
Dass Andreas Walther während der nationalsozialistischen
Herrschaft zu einem „Mann der NSDAP“ (Klingemann)
wurde und „das NS-System in seinem persönlichen
Wirkfeld mit Überzeugung gestützt“[3] hat,
wird in der Forschung nicht bestritten. Kontrovers ist hingegen die
Frage, wie es dazu kommen konnte. So betont der Soziologiehistoriker
Rainer Waßner, der in den 1980er Jahren mit der
mühsamen Rekonstruktion von Walthers wissenschaftlichem und
politischem Engagement im Nationalsozialismus Pionierarbeit geleistet
hat, dass sich der Hamburger Soziologe bis 1933 „im Lager der
Demokraten“[4] befunden habe und „nirgends aus
Walthers gesamter Tätigkeit bis 1933 stichhaltig belegt
werden“ könne, „daß er sich
geistig im nationalsozialistischen Lager oder auf dem Weg dorthin
befand“.[5] Hier stellt sich allerdings die Frage, ob das
überhaupt entscheidend ist. Es ist m.E.
müßig zu fragen, ob Walthers Soziologie dezidiert
faschistisch war oder auch nicht, oder ob sich bereits vor 1933
Versatzstücke einer ohnehin nie existenten kohärenten
nationalsozialistischen Ideologie in Walthers Schriften identifizieren
lassen. Walthers Bereitschaft, dem NS-Regime zu dienen, lässt
sich zwar zum einen damit erklären, dass die neuen Machthaber
dem Fach Soziologie zu einem deutlichen Aufschwung verholfen hatten. Es
sei, so argumentiert Waßner, „keineswegs abwegig,
daß einige Soziologen mit Hitlers Machtergreifung die
Morgenröte der Soziologie aufgehen sahen“.[6] Zu
ihnen gehörte auch Walther, und Rainer Waßner
spricht zu Recht von einer „Art faustischem Pakt“,
der geschlossen wurde: „Die Produktivität, die sich
nicht entfalten konnte, ging schließlich das Bündnis
mit dem Bösen ein.“[7] Andererseits scheint jedoch
ergiebiger zu sein, so die These dieses Aufsatzes, nach sozialen
Dispositionen[8] Ausschau zu halten, die eine Symbiose von
Sozialwissenschaft und Nationalsozialismus ermöglichten, auch
wenn für die Zeit vor 1933 keine Hinweise auf rassistische
oder antisemitische Orientierungen zu beobachten sind. Dabei erscheint
Andreas Walther geradezu als Prototyp des
„Sozialingenieurs“, der „durch die
Gestaltung des Raumes, der Städte und der Wohnungen, durch
eugenische Praktiken und durch Reformen der Gesundheits- Erziehungs-
und Sozialpolitik eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft
erreichen“ wollte, „und zwar in Form einer die
ideelle Grundstruktur der alten Ordnung wahrenden neuen
Gemeinschaft“.[9] Die Praktiken dieser Sozialexperten waren
massiv geprägt von einem spezifischen Denkstil, der von dem
Trierer Historiker Lutz Raphael in seinem einflussreichen Aufsatz
„Radikales Ordnungsdenken und die Organisation
totalitärer Herrschaft“ scharf umrissen wurde. Im
weiteren Verlauf meines Beitrages werde ich zunächst die
wesentlichen Stilelemente des „radikalen
Ordnungsdenkens“ referieren, dann den biografischen und
intellektuellen Werdegang Andreas Walthers knapp skizzieren, daraufhin
Walthers empirische Stadtforschungen in Hamburg darstellen, um
schließlich in einem knappen Resümee aufzuzeigen,
wie dieses spezifische Ordnungsdenken ein Zusammengehen von
Sozialwissenschaft und den nationalsozialistischen Machthabern
ermöglichte.
Jene - in überwältigender Mehrzahl
männlichen - humanwissenschaftlichen Experten[10], die in der
Zeit des Nationalsozialismus durch ihre Eigeninitiative
maßgeblich am Zustandekommen und Gelingen zahlreicher
Verbrechen und Gewaltmaßnahmen des Regimes beitrugen[11],
teilten einen eigentümlichen Denkstil, der sich im Kontext
einer allgemeinen „Verwissenschaftlichung des
Sozialen“ (Raphael) entfalten konnte. Diese war vor allem
deswegen möglich, weil seit der Jahrhundertwende die
staatlichen Interventionen auf den Gebieten von Wirtschaft und
Gesellschaft sukzessive anwuchsen und somit das Fundament für
die Kooperation zwischen akademischen Experten und NS-Staat gelegt
wurde. Während den zahlreichen Humanwissenschaftlern das neue
weltanschauliche und politische Programm des nationalsozialistischen
Regimes „als ein Bündel noch offener
Möglichkeiten“[12] erschien, entwickelten die neuen
Machthaber ihrerseits „einen ausgesprochenen
Heißhunger nach ,verläßlichen‘
Daten über Wirtschafts- und Sozialstrukturen“[13]
sowohl des Deutschen Reiches als auch der okkupierten Gebiete. An
zahlreichen Instituten für anwendungsorientierte
Humanwissenschaften stellten die Forscher und Planer dem diktatorischen
Regime Sozialtechniken zur Verfügung, die mit dessen
Leitvorstellungen und konkreten Handlungsprioritäten
kompatibel waren. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die beteiligten
Sozialingenieure durchweg regimetreue und lupenreine
Nationalsozialisten waren: „Das entscheidende Kriterium
für eine Einbindung der Wissenschaftler in die
Planungsprojekte [war] ihr Fachwissen und nicht der Grad ihrer
politischen Zuverlässigkeit.“[14]
Der einzelne Berufsgruppen und Disziplinen übergreifende
Denkstil soll nun kurz konturiert werden.[15] Zu den fünf
Elementen, die Lutz Raphael für diesen humanwissenschaftlichen
Denkstil vor und im „Dritten Reich“ für
konstitutiv hält[16], gehört erstens die
Metaphernwelt sozialer Pathologien. Sie speiste sich einerseits aus der
Sozial- und Rassehygiene sowie Eugenik und aus der Tradition
organizistischer Sozialtheorien andererseits. Gesellschaft und die in
ihr lebenden Menschen wurden als „Körper“
begriffen, den man als „krank“ diagnostizierte und
dessen „Heilung“ man zu erreichen suchte.[17] Diese
Perspektive implizierte zugleich intervenierende oder
präventive Maßnahmen, die den
„Heilungsprozess“ unterstützen bzw.
beschleunigen sollten. Zweitens wurden die Untersuchungsobjekte der
Sozialingenieure mittels spezifischer Techniken, vor allem der
Statistik, überhaupt erst hervorgebracht.[18] Durch die
Auswahl und Deutung von „Sozialstrukturdaten“
steuerten Humanwissenschaftler ihren Beitrag zur Konstruktion einer
„rassisch definierten Volksgemeinschaft“ bei.
Drittens korrespondierten diesen Sozialtechniken der Erfassung
gesellschaftlicher Phänomene spezifische Wunschbilder und
Planungsziele sozialer Ordnungen: „Das weltanschaulich
vorgegebene, aber wissenschaftsgestützte Modell eines
rassehygienisch ,gereinigten‘ Volkskörpers, dessen
Leistungsfähigkeit auch intern auf Konkurrenz und Auslese
beruhte, koexistierte mit dem Modell einer im Innern pazifizierten
Volksgemeinschaft, deren wirtschaftliche und soziale Dynamik politisch
gebändigt und kontrolliert werden sollte.“ Zu den
Spezifika der humanwissenschaftlichen Experten gehörte
viertens die „indirekte Gestaltung der ,konkreten
Ordnungen‘ des Nationalsozialismus durch die
sozialplanerische Veränderung von Umwelt (v. a. Lebensraum)
und Deutungsmustern“. Einher mit diesem „Willen zur
Ordnung“ (Etzemüller) gingen Mechanismen der
Kontrolle und Exklusion. Ausgegrenzt wurden vor allem die als
„minderwertig“, „fremdrassig“
oder „gemeinschaftsfremd“ klassifizierten
Individuen und Gruppen, was auf den rassistischen Charakter vieler
planerischer Aktivitäten verweist. Schließlich
lässt sich als fünftes Stilelement die Dialektik von
Planung und Destruktion identifizieren, die sich spätestens
nach Kriegsbeginn in aller Deutlichkeit zu zeigen begann:
„Aus technokratischen Sozialplanern wurden zusehends
terroristische Sozialordner, deren ,Endlösungen‘
wohl auch als Flucht aus den Realitäten ungezähmter
sozialer Konflikte und unkontrollierbarer sozialer Entwicklungen zu
interpretieren sind.“
Der hier skizzierte Denkstil war zudem eingebettet in einen breiteren
Kontext, der an dieser Stelle nur schlagwortartig angerissen werden
kann[19]: ein seit der Jahrhundertwende virulentes Krisenbewusstsein,
welches in der Zwischenkriegszeit kulminierte, die Genese einer
Expertenkultur, die den Typus des kritischen Intellektuellen und
akademischen Gelehrten zunehmend verdrängte, die
Möglichkeit, innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie
eigene Weltanschauungen durchsetzen zu können und zu wollen,
der von der Kriegsjugendgeneration getragene Habitus einer
rechtsradikalen „Sachlichkeit“ sowie die Zuspitzung
der Historismuskrise.
Andreas Walther wurde 1879 in Cuxhaven geboren.[20] Er wuchs in einem
protestantischen Pfarrhaus auf, so dass eine Pastorenlaufbahn
vorgezeichnet schien. Darauf lief zunächst auch alles zu, denn
er studierte anfänglich Theologie in Erlangen,
Tübingen und Rostock. Jedoch verzichtete Walther auf eine
Karriere als wissenschaftlicher oder praktischer Theologe und gelangte
über die vergleichende Religionsgeschichte zur
Geschichtswissenschaft. 1908 promovierte Walther bei Karl Brandi
über ein Thema zur mittelalterlichen Verwaltungsgeschichte. In
Berlin setzte er seine historischen Studien bei Otto Hintze fort, bei
dem er lernte, nach den strukturellen Zusammenhängen der
mittelalterlichen Geschichte zu fragen, da sich Hintze damals offen
gegenüber der Nachbardisziplin Soziologie zeigte. 1911
habilitierte Walther bei Hintze und wirkte bis zu seiner Einberufung in
die Armee (1915) als Privatdozent. Kurz zuvor unternahm er noch eine
Weltreise, die ihn u.a. nach China und in die USA führte.
Dabei machte er Erfahrungen, die ihn von der Geschichtswissenschaft zur
Soziologie führten, denn er musste feststellen, dass
zahlreiche europäische Erscheinungen wie beispielsweise
Familientypen oder Zünfte in anderen Teilen der Welt ihre
Äquivalente besaßen. So überkam Walther
„die soziologische Besessenheit des Vergleichens und
Typisierens“.[21] Sein Übertritt zur Soziologie war
vermutlich auch eine Reaktion auf den Orientierungsverlust nach dem
Zusammenbruch der Hohenzollernmonarchie. 1920 wurde er im Alter von
nunmehr 41 Jahren zum außerordentlichen Professor
für Soziologie im Sinne vergleichender Geistesgeschichte an
der Universität Göttingen berufen, und nach einem
Jahr wurde er zum persönlichen Ordinarius (d.h. ohne eigenen
Lehrstuhl) für Soziologie ernannt. Sofort widmete sich Walther
der Aufgabe, dass noch wenig anerkannte Fach Soziologie zu etablieren
und auszubauen, war sich aber bewusst, dass dieses Ziel in Deutschland
zwar nicht leicht und schnell verwirklicht werden könne, aber
angesichts erfolgreicher ausländischer Beispiele als durchaus
realisierbar gelten müsse.[22] Als Vorbild für
Walther fungierte vor allem die US-amerikanische Soziologie, die er
1925 während einer erneuten USA-Reise persönlich
kennengelernt hatte. Vor allem die Praxisnähe der
amerikanischen sozialwissenschaftlichen Forschung, die bereits in der
Zwischenkriegszeit mit den Techniken der empirischen Sozialforschung
operierte, hatte es ihm angetan. Bei seinem Amerikaaufenthalt lernte er
vor allem die Methoden der „Chicago School“ kennen,
was sich später in seinen stadtsoziologischen Arbeiten
niederschlagen sollte. Neben diesen transatlantischen
Einflüssen war Walthers Wissenschaftsverständnis
stark vom französischen Positivismus und der Soziologie der
Durkheim-Schule geprägt. Um diesem Anspruch gerecht zu werden,
redete er einer „rücksichtslosen
Zurückdrängung philosophischer Fragestellungen
zugunsten der Empirie“ (Waßner) das Wort. Walther
war von dem Glauben überzeugt, so Waßner,
„emsige Sozialforschung könnte wie eine Fabrik Daten
aus den verschiedensten sozialen Feldern bereitstellen, aus denen der
Bau der gesicherten soziologischen Erkenntnis aufgeschichtet
würde: Wissensproduktion ist für ihn ein
quantitativer Vorgang“. Mit dieser Wissenschaftsauffassung
von einer Soziologie als eigenständigem Hochschulfach, die
empirisch und nicht philosophisch verfährt, war Walther in der
Weimarer Republik jedoch ziemlich isoliert. Das lässt sich
u.a. auch an seiner marginalen Position auf den Soziologentagen von
1922 und 1924 sowie in der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie (DGS) ablesen.[23] Die Ablehnung seiner wissenschaftlichen
Arbeit sollte Walther auch nach seinem Wechsel nach Hamburg zu
spüren bekommen, wo er nicht zuletzt auf Empfehlung von
Ferdinand Tönnies 1926 auf den dritten,
ausschließlich der Soziologie gewidmeten Lehrstuhl der
Weimarer Republik berufen wurde. Dort wie schon zuvor in
Göttingen engagierte er sich unermüdlich für
die Etablierung seines Faches als Einzelwissenschaft, für
Geld- und Sachmittel sowie Räume und Personal für
sein soziologisches Seminar. Sein Institut fristete jedoch ein
„Schattendasein“ (Stölting) unter der
Konkurrenz der Ökonomen Eduard Heimann, Friedrich von
Gottl-Ottlilienfeld und Kurt Singer, die ebenfalls mit soziologischen
Fragestellungen beschäftigt waren, wenn auch in
philosophischer Perspektive. Obgleich vor allem Walthers
stadtsoziologische Bemühungen von Seiten der
Hochschulbehörden anfangs gern gesehen und gefördert
wurden – die Stadtsoziologie sollte mit kartografischen
Methoden die Sozialstruktur der Hansestadt veranschaulichen, um auf
diese Weise Verwaltung, Schulen und Exekutive mit Informationen zu
versorgen –, versiegte auch dieser Geldstrom im Zuge der
Weltwirtschaftskrise.
Diese für Walther frustrierende Situation sollte sich aber
1933 mit dem Systemwechsel und der „Erfassungsleidenschaft
der Nationalsozialisten“ (Waßner) grundlegend
ändern: Das Fach Soziologie wurde von der
juristisch-staatswissenschaftlichen in die philosophische
Fakultät verlegt und erhielt das Promotionsrecht, woraufhin in
der Zeit des „Dritten Reichs“ sechzig
Dissertationen unter Walthers Haupt- und Nebenbetreuung angefertigt
wurden. Zudem floss nun mehr Geld, es steigerten sich die
behördlichen Aufträge und die dazugehörigen
Mitarbeiterstellen. Anfang Mai 1933 wurde Walther Mitglied der NSDAP.
Als erstes Zeichen seiner neuen politischen Gesinnung verweigerte er
dem Frankfurter Nachwuchssoziologen Hans Gerth, der aufgrund der
erzwungenen Emigration seines ursprünglichen Betreuers Karl
Mannheim auf der Suche nach einem neuen Doktorvater war, die Annahme
als Doktorand. Walther begründete diese Ablehnung mit den
„Schwierigkeiten Mannheimscher Deutung, die sich für
mich als Nationalsozialisten ergeben könnten“.[24]
An dieser Stelle soll der Faden aus dem ersten Kapitel wieder
aufgegriffen und die Frage nach der Relevanz von Dispositionen
für die Erklärung der engen Kooperation von
Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus aufgeworfen werden. Neben
einem nicht zu leugnenden opportunistischen Karrierismus spielten bei
Walthers Entscheidung, NSDAP-Parteimitglied zu werden, auch
unreflektierte Wahrnehmungsmuster eine entscheidende Rolle. So verweist
Rainer Waßner darauf, dass sich durch Walthers gesamtes Werk
„wie ein roter Faden die Klage über das ,Chaos der
Werte‘, dass in Deutschland herrsche“, ziehe.[25]
Zu dieser Krisendiagnose eines Werterelativismus zeigte sich bei
Walther auch das für die „Klassische
Moderne“ (Peukert) so charakteristische Ganzheitsstreben.
Sehr deutlich wird dies, als Walther Ende der dreißiger Jahre
schrieb, dass mit dem Nationalsozialismus der „Durchbruch
einer neuen organischen Ordnung und Einheitskultur“ gelungen
sei.[26] Insgesamt, dieses Zwischenfazit darf man ziehen,
gehörte Walther zu jenen, die die politische Entscheidung von
1933 vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten
„Krisenwahrnehmung“ einerseits als „Ende
des lebensweltlichen und des wissenschaftlichen
Relativismus“[27] sowie andererseits als Chance, das eigene
Fach und damit auch die eigene Karriere maßgeblich zu
befördern, begrüßten.
In dem nun folgenden abschließenden Kapitel möchte
ich anhand der Schrift „Neue Wege zur
Großstadtsanierung“ aufzeigen, wie sehr Walthers
empirische Forschungen von dem oben skizzierten „radikalen
Ordnungsdenken“ geprägt waren. Dieser Text aus dem
Jahr 1936 resümierte die Ergebnisse von stadtsoziologischen
Studien, die in den Jahren 1934 und 1935 unter Walthers Leitung als
„Notarbeit 51“ der Akademikerhilfe der
Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft.[28] Bei diesen
Untersuchungen ging es Walther vor allem darum, den Aspekt der
„soziale[n] Gesundung“ für die
Stadtplanung in den Vordergrund zu rücken. Auch wenn
„der Nationalsozialismus nicht die Wirkungsmacht schlimmer
oder heilsamer Umwelt“ verkenne, die bei früheren
Großstadtsanierungen, die im wesentlichen unter baulichen und
hygienischen Gesichtspunkten erfolgt seien, und ihre Hoffnung auf die
Änderung des Wesens der Menschen „durch Verpflanzung
in eine andere Umwelt“ legten, wisse er aber um die
„Grenzen der Erziehung und Milieuwirkung“. Denn
„in den gemeinschädigenden Regionen der
Großstädte“ gäbe es
„gehäuft hoffnungslose Fälle, die wie ein
Geschwür am Volkskörper weiterwuchern, wenn sie nicht
herausgesucht und am Weitergeben ihrer Krankheitskeime und Defekte
verhindert werden“ (S. 3f.). Um diese
„Geschwüre“ ausfindig machen zu
können, plante Walther bereits in den späten 1920er
Jahren, einen „Sozialatlas“ zu erstellen. In einem
Exposé an die Hochschulbehörde erläuterte
Walther seine Vorstellungen: Zum einen sollten alle vorliegenden,
statistischen Materialien von Behörden und privaten
Einrichtungen eingeholt werden, zum andern galt es einzelne soziale
Gruppen zu untersuchen – bis hin zum soziologischen Studium
jedes einzelnen Häuserblocks. Zudem sollte die Erfassung des
Stadtgebietes mit Hilfe der Kartografie erfolgen, nicht zuletzt um
„die Herkunft der minderwertigen Jugendlichen und der
Verbrecher“ zu ergründen. Hier griff Walther auf
jene Rastertechnik zurück, die er bei seinem Aufenthalt in den
USA kennengelernt hatte. Mit diesen Ideen stieß Walther
gerade bei den Verwaltungs- und Sozialbürokratien und
polizeilichen Behörden auf reges Interesse, denn seit dem
späten 19. Jahrhundert war es vor allem in den hafennahen
Wohnvierteln, die vornehmlich von Hafen- und Gelegenheitsarbeitern und
ihren Familien bewohnt wurden, zu sozialen Unruhen gekommen, weshalb
diese seit dieser Zeit mehrfach zum Zielpunkt behördlicher
Interventionen wurden.[29] In den Jahren 1901, 1906 und 1925/26 wurde
der „Schandfleck Hamburgs“[30] jeweils als Reaktion
auf Unruhen und Streiks im Zuge von
„Sanierungsmaßnahmen“ teilweise
abgerissen. Dies setzte sich auch nach der Machtübernahme der
Nationalsozialisten fort; zwischen Herbst 1933 und Frühjahr
1934 wurde das city- und hafennahe Gängeviertel, wo
mittlerweile 12.000 Menschen auf engstem Raum lebten, abgerissen.[31]
Konventionelle Sanierungsmaßnahmen, wie sie zu Beginn des 20.
Jahrhunderts durchgeführt wurden, lehnte Walther dezidiert ab.
Es gehe nicht nur darum, so Walther, „schlechte
Häuser durch bessere [zu] ersetzen“, sondern man
müsse vielmehr auf die Menschen sehen und
„Verantwortung für die völkische
Zukunft“ tragen. Daher seien „Vorbereitungen auch
durch soziologische Untersuchungen“ vonnöten:
„Diese Erhebungen müssen schließlich dahin
kommen, daß, ehe die Spitzhacke ihre Arbeit beginnt, bestimmt
werden kann, wie man mit den einzelnen Menschen und Familien des
Abbruchgebietes verfahren soll.“ Damit rekurrierte Walther
auf die oben angesprochenen Abrissmaßnahmen seit
Jahrhundertbeginn, bei denen sozialwissenschaftliche Expertise noch
keine Bedeutung besaß. An diesen Maßnahmen
kritisierte er vor allem, dass „viele der früheren
Bewohner eines Sanierungsgebietes […] nur […] in
andere schlimme Quartiere [umzogen], die dem verlassenen
möglichst ähnlich waren“. Daraufhin
explizierte Walther deutlich, was mit den Menschen der Abbruchgebiete
geschehen solle: „Die trotz asozialer Umwelt gesund
Gebliebenen, also gegen großstädtische Verderbung in
besonderen Maße immunen, fördern zu erfolgreichem
Fortkommen in der Stadt; die für Rand- und ländliche
Siedlungen Geeigneten, die ebenfalls nicht fehlen, zum Ziel ihrer
Wünsche führen; die nur Angesteckten in gesunde
Lebenskreise verpflanzen; die nicht Verbesserungsfähigen unter
Kontrolle nehmen; das Erbgut der biologisch hoffnungslos Defekten
ausmerzen“ (S. 4). Mit dieser Klassifikation, in der
eugenische und antiurbanistische Sichtweisen verknüpft waren,
machte Walther deutlich, worauf künftige
Sanierungsmaßnahmen zu achten hätten. Es galt vor
allem die letzten beiden Gruppen in den Blick zu nehmen – die
„Asozialen“, die sich in bestimmten Stadtregionen
zusammenhäufen würden. Dabei gebrauchte Walther
jedoch keinen pauschalen Begriff von
„Asozialität“. Er differenzierte nach
„minderwertigen“,
„dissozialen“, „asozialen“ und
„antisozialen“ Verhaltensweisen und
Charakterzügen. Vor allem auf die letzte Kategorie
müsse besonders geachtet werden, denn der
„Antisoziale“ zeichne sich dadurch aus, dass er
„sich den Forderungen geordneten Gemeinschaftslebens
bewußt widersetzt und auch die Scheu vor kriminellem
Verhalten bewußt abgelegt hat.“ Problematisch sei
bei dieser Gruppe, dass sie „unter ,rein‘
biologischen Gesichtspunkten hochwertige Menschen“ sein
könnten „und eben deshalb unmittelbarer
gefährlicher als die asozialen
Mittelmäßigen und Minderwertigen“ seien.
Besonderes Augenmerk legte Walther auf die so genannten
„Grenzfälle“, d.h. die „in ihrer
Sozialwirkung Neutralen, die keinen Gewinn, aber auch nicht einen
unmittelbar sichtbaren Schaden für die Gemeinschaft
bedeuten“. Diese Gruppe sei „aber wichtig deswegen,
weil es oft nur auf Zufälligkeiten beruht, wenn ihr
Gefährdendes nicht oder noch nicht offen zur Erscheinung
kam“ (S. 7ff.). Zu den „Asozialen“
zählte Walther insbesondere „chronisch
Erfolglose“, deren „hoffnungslose
Lebensuntüchtigkeit […] in der Regel auf
biologischen Defekten“ beruhe. Jene Gebiete, in denen Walther
die „Asozialen“ vermutete, waren für ihn
„Brutstätten für Verbrechertum“,
die „zugleich Schlupfwinkel für Kriminelle aller
Art“ seien, „die dort Schutz finden durch den
asozialen Korpsgeist der Nachbarschaft, teilweise auch durch die
gedrängt unübersichtliche Bauweise der
Häuser, Höfe und Durchgänge“.
Jedoch habe, so Walther, die räumliche Konzentration der
„Gemeinschädlichen“ und
„Asozialen“ auch einen entscheidenden Vorteil, denn
schließlich erleichtere es „doch gerade die
natürlich gewordene räumliche Absonderung
[…], sie in den Griff zu bekommen“ (S. 5f.)
Ausgehend von diesen Beobachtungen formulierte Walther drei
Arbeitsgänge. Erstens sollten durch Erhebungen über
das gesamte Stadtgebiet jene Regionen umgrenzt werden, in denen sich
„gemeinschädigendes“ Verhalten besonders
häufe. Dafür operationalisierte Walther Begriffe wie
„antisozial“ und
„gemeinschädlich“, indem er auf
Wahlerhebungen zurückgriff, die Ende der zwanziger Jahre von
ihm durchgeführt wurden. Besonders dort, wo die Stimmabgaben
für SPD und KPD besonders hoch und die Stimmenthaltungen sehr
niedrig waren, vermutete Walther „asoziales“
Verhalten. Als weitere Indikatoren kamen die Zahl der
Fürsorgezöglinge und der jugendlichen Delinquenten
hinzu (S. 17ff.). Als weiteren Indikator für
„Gemeinschädlichkeit“ kartierten Walther
und seine Mitarbeiter 14.000 chronische Wohlfahrtsempfänger,
und schließlich wurden jene 2.000 Wohnungen verzeichnet, in
denen Hilfsschulkinder lebten. Wenngleich Walther die Auswirkungen des
sozialen Milieus nicht vollkommen negierte, wies er den erbbedingten
Ursachen eine klare Priorität zu: Die meisten der von Walther
und seinem Team gesammelten Informationen hätten direkt auf
„biologische Defekte“ hingewiesen,
„besonders nach der neuen Auffassung des Nationalsozialismus
von ,Gesundheit‘, die nicht in Abwesenheit von
,Krankheit‘“ bestünde, „sondern
an der Leistung gemessen“ werde, wie Walther
hinzufügte (S. 20).
Der zweite Arbeitsschritt zielte auf die Erkennung der
„einzelnen gemeinschädigenden Regionen nach
Sondercharakter und Struktur […]: ihre Teilräume,
die gemeinschädigenden Kerne und Ansteckungsherde besonderer
Bösartigkeit, die eingelagerten relativ gesunden
Teilbezirke“ (S. 24f.). Zur Erreichung dieses Ziels wurde
jedem der Mitarbeiter ein eigenes Gebiet zugeteilt. Dort versuchten sie
alle existierenden quantifizierenden Unterlagen und
Veröffentlichungen (u.a. Justizakten) auf ihren Bezirk
umzurechnen und zu übertragen. Diese Ausarbeitungen
über Sozialstruktur, Bebauungs- und Wohnverhältnisse,
Wohndichte sowie über Bevölkerungsentwicklung und
-mobilität wurden schließlich verknüpft mit
den Eindrücken, welche die Mitarbeiter mittels teilnehmender
Beobachtung in ihren Bezirken gemacht hatten.[32]
Drittens sollte durch einen abschließenden Arbeitsgang
„Klarheit“ gewonnen werden, „was mit
jedem Menschen und jeder Familie, die ihre Wohnungen verlassen
müssen, geschehen sollte“ (S. 29). Da sich die
ersten beiden Arbeitsschritte hinsichtlich ihrer Erfassung als zu
ungenau erwiesen hätten, sollten nun „Hinweise auf
bestimmte Personen, Familien, Hausgemeinschaften, Nachbarschaften nicht
mehr umgangen werden müssen“. Für diese
„restlose Erfassung“ (Aly/Roth) sollten
„über jede Familie oder Einzelperson der zum Abbruch
bestimmten Häuserblocks auf einem geeigneten Formular alle
Nachrichten eingetragen werden, die zur biologischen, psychologischen,
moralischen oder sozialen Charakterisierung geeignet sind“
(S. 29). Zu diesem Zweck werteten Walthers Mitarbeiter Unterlagen der
Alkoholikerfürsorge und die Meldebücher von 33
Polizeiwachen aus. Auf diese Weise „entstand auf lokaler
Ebene eines der ersten deutschen Projekte zur
Kriminalgeographie“ (Roth). Besonders positiv stimmte Walther
die Hoffnung, dass „in absehbarer Zeit ein
Informationsmaterial“ zur Verfügung stehen werde,
dass „solche Registrierungen
außerordentlich“ erleichtern würde. Dabei
hatte er vor allem den Aufbau umfassender Personenkataster im Sinn, die
„keinen deutschen Menschen auslassen“ sollten (S.
29f.). In der Tat entwickelte sich mit dem „Zentralen
Gesundheitspaßarchiv“ in der Folgezeit ein
umfassendes Sozialkataster, das über die Grenzen Hamburgs
hinaus „zu einem Pilotprojekt der sich seit 1938
konsolidierenden Sozialverdatung“ avancierte.[33]
Die Darstellung seiner stadtsoziologischen Studien hat zeigen
können, dass es sich bei Andreas Walther zweifelsohne um das
Musterbeispiel eines Sozialingenieurs handelt, dessen wissenschaftliche
Expertise die destruktive Kraft des NS-Regimes unterstützt
hat. Die Stilelemente des „radikalen
Ordnungsdenkens“, die im zweiten Kapitel kurz skizziert
wurden, lassen sich bei Walther paradigmatisch auffinden: Sowohl das
Denken in organizistischen Topoi und sozialen Pathologien (wenn Walther
von den „Geschwüren“, die am
„Volkskörper weiterwuchern“, spricht und
eine „soziale Gesundung“ von Stadt und Volk
intendiert), als auch die Erzeugung statistischer Evidenzen, das
sozialplanerische Gestalten, die Dialektik von Neubau („die
trotz asozialer Umwelt gesund Gebliebenen fördern zu einem
erfolgreichem Fortkommen in der Stadt“) und Vernichtung
(„das Erbgut der biologisch Defekten
ausmerzen“)[34] sind nachzuweisen wie auch der Wunsch nach
„Formierung einer ideologisch homogenen, sozial
angepaßten, leistungsorientierten und hierarchisch
gegliederten Gesellschaft“.[35] Somit wurde Walthers
Stadtsoziologie zu einer „Technologie des
Rassismus“ (Beyerchen), die das System stabilisierte. Dabei
wurde „der Rassismus der deutschen Intellektuellen
[…] nicht nur genährt durch die vielen materiellen
und ideellen Prämien, die das Regime vergab, sondern gewann
seine Kraft aus dem diffusen Weltanschauungsbedürfnis, das
sich aus den Katastrophenerfahrungen seit dem Ersten Weltkrieg speiste
und im extremen Nationalismus seinen Nährboden gefunden
hatte“.[36] Es war zu einem nicht unbeträchtlichen
Teil dieses diffuse Weltanschauungsbedürfnis, das den
Übergang zahlreicher Humanwissenschaftler in das
„Dritte Reich“ ermöglichte. Insofern ist
auch die Frage falsch gestellt, ob sich bei einzelnen Intellektuellen
vor 1933 Anzeichen von (proto-)faschistischem Gedankengut
identifizieren lassen. Es macht auch wenig Sinn, zwischen dezidierten
Nationalsozialisten und denjenigen scharf zu trennen, die
„andere Vorstellungen als die des klassischen
Nationalsozialismus“[37] besaßen. Vielmehr lud der
Nationalsozialismus „zur Beteiligung aller nationalen
Kräfte ein“[38], denn „die NS-Ideologie
ist inhaltlich und strukturell für die neuen Begriffe und
Wertvorstellungen aus der Weimarer Republik ein ideales Sammelbecken
gewesen“.[39] 1933 schlug die „Stunde der
Experten“ (Raphael), und unter den neuen Freiheiten des
nationalsozialistischen Regimes konnten die
„Allmachtsphantasien und Ordnungsutopien“[40] der
Humanwissenschaftler zu ihrer Verwirklichung finden.
„Reinheit und Eindeutigkeit in den gesellschaftlichen
Verhältnissen“ sollten hergestellt werden, und dies
führte die Sozialexperten mitunter „in den Vorhof
der Massenverbrechen, nicht weil sie sich als politisch verstanden,
sondern weil sie sich als unpolitische Faktensammler und Analytiker
begriffen, die ein autoritär-technokratisches
Gesellschaftsbild über die politischen Systeme hinweg
transportierten“.[41] So sehr liegen die Gründe
für Andreas Walthers „Wandlung vom Paulus zum
Saulus“ wohl doch nicht im Dunkeln, wie Rainer
Waßner noch vor über zwanzig Jahren
mutmaßte.[42]
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Wir schlagen folgende Zitation vor:
Schneider, Andreas (2007): Stadtsoziologie und radikales Ordnungsdenken. Andreas Walther als
Prototyp des Sozialingenieurs der Zwischenkriegszeit, in: fastforeword 1–07, S. 3–16.
http://ffw.denkraeume-ev.de/
1–07/schneider–1–07.pdf
