Klassiker aus zweiter Hand


Danyel, Jürgen/Kirsch, Jan-Holger/Sabrow, Martin (Hg.) (2007): 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN: 978-3-525-36024-8; 247 S.; 19,90 EUR.
Raphael, Lutz (Hg.) (2006): Klassiker der Geschichtswissenschaft, Band 1: Von Edward Gibbon bis Marc Bloch, München: C.H. Beck. ISBN: 3-406-54118-6; 255 S.; 14,90 EUR.
Raphael, Lutz (Hg.) (2006): Klassiker der Geschichtswissenschaft, Band 2: Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis, München: C.H. Beck. ISBN: 3-406-54104-6; 284 S.; 14,90 EUR.

Rezensiert von Anette Schlimm

Für die Sozialwissenschaften, so Ulrich Bielefeld, stellt die Bezugnahme auf die Klassiker soziologischer Theorie die Möglichkeit dar, „sich trotz umstrittener methodologischer Ausgangspunkte und nicht geteilter theoretischer Grundannahmen gegenwärtig zu situieren und Legitimität für die eigene Aussage zu gewinnen.“[1] Die Geschichtswissenschaft verfügt hingegen über andere Wahrheitseffekte. Statt der Alten des Faches spielt hier der Korpus der Primärquellen, möglichst ungedruckt, möglichst neu entdeckt, die Rolle der wissenschaftlichen Legitimation. Trotz dieses deutlich anderen Status’ von „Klassikern“ für die Geschichtswissenschaft sind in der letzten Zeit zwei Versuche gemacht worden, geschichtswissenschaftliche „Klassiker“ zusammen- und vorzustellen. Diese Bände sollen im Folgenden kurz beschrieben werden. Vor allem aber werde ich – ausgehend von diesen Büchern, aber nicht darauf beschränkt – diskutieren, welche Möglichkeiten es gibt, Lust auf Klassiker-Lektüre zu machen.
Die zweibändige Zusammenstellung der „Klassiker der Geschichtswissenschaft“, herausgegeben von Lutz Raphael, folgt dem Vorbild der anderen Klassiker-Ausgaben aus dem Hause Beck.[2] Hier sind Autoren die Referenzpunkte der Zusammenstellung; von Edward Gibbon aus wird der Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart geschlagen, als letzte „Klassiker“ werden im Doppelpack John G.A. Pocock und Quentin Skinner vorgestellt.[3] Eine alternative Herangehensweise wählen die Herausgeber der „50 Klassiker der Zeitgeschichte“, Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch und Martin Sabrow. Sie beauftragten 50 Zeithistoriker, „klassische“ Bücher der (deutschen) Zeitgeschichtsforschung vorzustellen und einer gegenwartsbezogenen Lektüre zu unterziehen.
Über die Auswahl der einzelnen Gegenstände, die hier zu Klassikern erhoben werden, kann viel gesagt werden – und das wird auch getan. Jeweils in den Einleitungen beschreiben die Herausgeber nicht nur die Schwierigkeiten, für die Geschichtswissenschaft einen Klassikerkanon zu erstellen. Die Argumente gegen geschichtswissenschaftliche Klassiker sind schnell vorgetragen: In der modernen Geschichtswissenschaft spielten Gesellschaftstheorien nur eine geringe Rolle, daher brauche man keine Leittheoretiker wie in den Sozialwissenschaften; die Geschichtswissenschaft gehe von einer „radikale[n] Historizität ihrer Gegenstände und Produkte“ aus; die Diversifizierung von Ansätzen und Methoden stelle die Möglichkeit einer einheitlichen Ahnenreihe überhaupt in Frage; der „Ahnenkult“, der nicht nur die Disziplingründer (üblicherweise der eigenen nationalen Geschichtswissenschaft), sondern vor allem den eigenen Doktorvater sakralisierte, habe (glücklicherweise, so könnte man ergänzen) seit den 1960er Jahren nachgelassen; schließlich habe die Welle der „Geschichte der Geschichtswissenschaft“ insgesamt eher zu einer Ent-Heroisierung der Gründerväter des Faches beigetragen. Und so beginnt Raphael sein Vorwort zur erarbeiteten Klassikerauswahl mit einem rhetorischen Kniff ex negativo: „Die moderne Geschichtswissenschaft kommt sehr gut ohne ‚Klassiker‘ aus.“ [4]
Warum dann also doch Klassiker zusammenstellen, die doch, sobald sie zwischen zwei oder gar vier Buchdeckel gegossen sind, als Kanonisierung wahrgenommen werden müssen? Raphael versteht die Zusammenstellung vor allem als „konkrete Leseempfehlung“.[5] Eine Auswahl von Klassikern müsse dem Bedürfnis nach Orientierung entgegenkommen. Sowohl nach innen als auch nach außen könne eine solche Zusammenstellung die Einheit des Faches präsentieren (und zugleich forcieren?). Zudem gebe die Klassikerauswahl die Möglichkeit, die Internationalität der Geschichtswissenschaft darzustellen – „diese ‚Klassiker‘ bilden ein möglichst vielsprachiges Gruppenproträt“. Dem deutschsprachigen Leser könne damit vermittelt werden, „daß die deutsche Geschichtswissenschaft nicht mehr und nicht weniger ist als eine nach wie vor wichtige Provinz innerhalb der Republik der Historiker“.[6] Und direkt als erster Punkt auf der Liste „Pro Klassiker der Geschichtswissenschaft“ steht die praktische Orientierung für die Geschichtswissenschaft selbst: die Darstellung von methodischen Ansätzen, die für die heutige Geschichtswissenschaft aktuell sind oder doch zumindest aktuell sein könnten: „Die hier präsentierten ‚Klassiker‘ stehen damit exemplarisch für Ideen und Theorien, Methoden und Arbeitsweisen des Faches Geschichte am Beginn des 21. Jahrhunderts.“[7]
Die Zusammenstellung der Zeitgeschichtsklassiker will etwas anderes unternehmen, nämlich über die Relektüre zeithistorischer Untersuchungen die Geschichte des eigenen Faches schreiben. Die Bücher, die hier vorgestellt werden, haben nicht nur die Geschichte des „kurzen“ 20. Jahrhunderts zum Gegenstand, sondern sind vor allem selbst Produkte dieser Zeit, vor allem der Zeit nach 1945, seit sich die Zeitgeschichte als Disziplin in Deutschland institutionalisierte. In dieser doppelten Historisierung – nicht nur die Untersuchungsgegenstände sind historisch, sondern die Untersuchungen, ihre Protagonisten und nicht zuletzt auch die Rezeption werden historisiert – soll das Sammelwerk nicht nur eine Bibliothek darstellen, ein „Archiv des zeithistorischen Wissens“, sondern vor allem ein „Panorama, das über die Geschichte des 20. Jahrhunderts selbst Auskunft gibt“.[8]
Auf die Kriterien der Zusammenstellung will ich – mit einer Ausnahme – hier nicht weiter eingehen. Denn schlussendlich bleibt die Auswahl der zu Kürenden immer ein Stück weit Willkür. Dass sie vor allem mehr über die Gegenwart der Geschichtswissenschaft/der Zeitgeschichtsforschung aussagt als über die Geschichte des Faches, ist vermutlich für keinen Historiker, für keine Historikerin ein fremder Gedankengang. Und so ist es doch mehr als befremdlich feststellen zu müssen, dass das weibliche Geschlecht durch (fast) vollständige Abwesenheit glänzt (was Autorinnen, Klassikerinnen und Gegenstände der Forschung in beinahe gleichem Maße betrifft). Da nützt es auch nichts, dass Raphael in seinem Vorwort dieses Ungleichgewicht (25 Männer und 1 Frau, die vorgestellt werden) zwar benennt, aber auch nicht weiter kommentiert. Gut, man könnte sagen: Die Geschichtswissenschaft ist/war historisch gesehen eine männlich geprägte Disziplin. Nun wurde aber beispielsweise explizit darauf geachtet, die Geschichtswissenschaft als internationales Unternehmen darzustellen.[9] Dass man auch unter Gender-Gesichtspunkten etwas mehr Überlegung hätte walten lassen können, ist offenbar untergegangen. Beispielsweise kann man sich fragen, warum für die Wissenschaftsgeschichte der Biochemiker Joseph Needham, nicht aber die doch weithin, auch international anerkannte Lorraine Daston als Repräsentant herhalten muss. Noch merkwürdiger wird die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts, wenn man sich die Verfasserinnen und Verfasser ansieht: Von 50 „Klassikern der Zeitgeschichte“ werden ganze fünf von Historikerinnen verfasst; bei Raphael sind es gar nur zwei Frauen, die die Ehre haben, in die Riege der AutorInnen aufgenommen zu werden – immerhin, gegenüber den vorgestellten Klassikern ist das ein Fortschritt. Und wenn es in solchen Riesenschritten weitergeht, könnten wir es schätzungsweise im Jahr 2150 geschafft haben, aus der Männerdomäne Geschichtswissenschaft ein gemeinsames Unterfangen gemacht zu haben.
In der Ausgestaltung der Beiträge, die hier nicht im Einzelnen weiter besprochen werden sollen, unterscheiden sich die beiden Sammelwerke wiederum sehr stark voneinander. Das liegt zum einen am Umfang – 50 Klassiker der Zeitgeschichte in einem Band ausreichend zu würdigen ist sicherlich schwieriger als nur die Hälfte in zwei Teilbänden –, allerdings auch sehr an dem, was geleistet werden soll. Die „Klassiker der Geschichtswissenschaft“ sind nach einem klaren Muster aufgebaut: Jeder Autor wird in einem Dreischritt aus Biographie, Werk und Wirkung vorgestellt; eine Auswahlbibliographie, die neben den Hauptwerken auch die wichtigste Sekundärliteratur umfasst, ist jeweils angehängt. Damit bieten die meist flüssig geschriebenen Kurztexte eine gute Orientierung, wenn sie allerdings auch meist besser verständlich sind, wenn man den vorgestellten Autor bereits kennt. Dann kann man sich fragen, ob der Doppelband auf diese Weise sein Ziel erreicht, nämlich zur Lektüre anzuregen.
Die „Klassiker der Zeitgeschichte“ ganz anders: Auf vier bis fünf Seiten wird das jeweilige Werk vorgestellt, zum Teil inklusive einer Kurzbiographie des Autors, zum Teil (nicht immer) mit Wirkungsgeschichte; in einigen Fällen beschränkt sich die Buchvorstellung auf eine knappe Zusammenfassung der Einleitung.[10] Schließlich wird in den meisten Fällen eine „Würdigung“ formuliert. Insgesamt bleiben doch die meisten Beiträge dem bekannten Schema einer 08/15-Rezension treu: Zusammenfassung, Kritik und dann ein abschließendes Lob, das sich meist darauf beschränkt, dass der Beitrag zur Forschung wichtig, die Lektüre anregend sei. Warum man aber das Buch lesen sollte, wenn man an dem konkreten Thema nicht arbeitet, ob es anregend auch als methodisch-theoretisches oder auch ästhetisches Werk ist, ob es als ein exemplarisches Stück Zeitgeschichtsforschung Vorbild- oder zumindest Inspirationscharakter haben kann: Diese Fragen bleiben in den meisten Fällen offen. Und so erfüllen die Buchvorstellungen in den meisten Fällen eben auch die Funktion, die die meisten Rezensionen haben: Sie ermöglichen es, sich in aller Kürze über ein Buch zu informieren, das man vielleicht gelesen haben sollte, für das aber Zeit und Lust fehlen.
Abseits der Einschätzung der Einzelbeiträge liegt nahe: Die Zusammenstellung solcher „Klassiker“ wird ebenso nachgefragt wie die knappen und kurzen Einführungen, die inzwischen zu jedem x-beliebigen Thema erhältlich sind. Beide Gattungen verkaufen sich. In der (sicherlich zu Recht beschrienen) Unübersichtlichkeit des geschichtlichen Publikationsmarktes sind viele – nicht nur Studierende – dankbar für eine Auswahl, die man nicht selbst mühsam treffen muss. Die Frage ist jedoch, ob es noch einen Grund für Klassikerzusammenstellungen gibt, der über die ökonomische Verwertbarkeit hinausgeht. Betont wird in beiden Vorworten: Eigentlich sollen diese Zusammenstellungen anregen; anregen zum Lesen von Primärtexten (die schließlich auch die wahrheitsstiftenden Bezugspunkte der Geschichtswissenschaft sind). Kann dies jedoch gelingen mit der Vorstellung von Klassikern aus zweiter Hand?
Klassiker zu lesen ist mühsam, das ist immer und immer wieder betont worden. Allerdings sollte das eigentlich kein Grund sein, sie nicht zu lesen. Und immer nur Klassiker vorzustellen und fromm zu hoffen, der eine oder andere Leser dieses Vorstellungstextes werde auch zum besprochenen Werk greifen, hilft vermutlich nur wenig. Nützlicher wäre vielleicht eine Zusammenstellung von Primärtexten. Die Reader der angloamerikanischen Universitätstradition haben es vorgemacht, dass man zentrale Texte zu einem ausgewählten Thema, gekürzt oder ungekürzt, thematisch gruppiert, mit einer Einleitung versehen, zusammenstellen kann, um einen Überblick über eine Denkrichtung zu geben. Diese Form der Klassikersammlung ist längst auch auf dem deutschen Buchmarkt angekommen und bietet vielleicht einen besseren Ausgangspunkt, zur Lektüre von Klassikern aufzufordern.[11]
Eine andere, ebenso spannende Variante der Klassiker-Relektüre ist die, die das Hamburger Institut für Sozialforschung im vergangenen Jahr vorgeführt hat. In zugespitzten, bewusst einseitigen und polemisch aktualisierenden Essays stellen sieben Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin acht einflussreiche GesellschaftstheoretikerInnen von Marx über Arendt bis Luhmann vor [12] – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber in dem Bemühen zu verdeutlichen: Klassiker-Lektüre ist nicht nur ein Spiel im Bildungsdschungel („Muss man einfach gelesen haben!“), sondern wirkt anregend, führt zu neuen Gedanken – ist schlicht und einfach ein intellektuelles Vergnügen. Das funktioniert aber nur dann, wenn man einen der beiden Wege geht: Primärtexte oder aktualisierende Zuspitzung. Einführende und zusammenfassende Klassiker-Enzyklopädien wirken vermutlich eher Lektüre ersetzend denn Lektüre anregend.

Weitere Literatur:

Barner, Wilfried/Detken, Anke/Wesche, Jörg (Hg.) (2003): Texte zur modernen Mythentheorie, Stuttgart: Reclam.
Bielefeld, Ulrich (2008): Wie weiter mit Max Weber?, in: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Wie weiter mit…? Hamburg: Hamburger Edition.
Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.) (2008): Wie weiter mit...? 8 Bde. im Schuber, Hamburg: Hamburger Edition.

Anmerkungen:

[1] Bielefeld (2008), S. 2.
[2] Inzwischen sind für elf Fächer bzw. Denkrichtungen solche Klassiker-Kompilationen in der Reihe erschienen – von der Soziologie über die Kunstphilosophie bis hin zum ökonomischen Denken.
[3] Hier eine Liste der vorgestellten Autoren und der Autorin: Edward Gibbon, Leopold von Ranke, Jules Michelet, Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt, Karl Marx, Max Weber, Michael Ivanovich Rostovtzeff, Johan Huizinga, Charles Austin Beard/James Harvey Robinson, Marc Bloch, Ernst Hartwig Kantorowicz, Joseph Needham, Fernand Braudel, Moses I. Finley, Franco Venturi, Eric Hobsbawm, Lawrence Stone, Georges Duby, Philip D. Curtin, Reinhart Koselleck, Edward Thompson, Michel Foucault, Natalie Zemon Davis, John G.A. Pocock/Quentin Skinner.
[4] Raphael (2006), Bd. 1, S. 7f., Zitat S. 7. Ob der innerdisziplinäre Ahnenkult tatsächlich immer weniger Bedeutung hat, oder ob nicht doch in der Geschichtswissenschaft die Bildung von „wissenschaftlichen Familien“ eher als von wissenschaftlichen Schulen noch immer eine größere Rolle spielt, als Raphael dies wahrhaben will, sei dahingestellt. Dies wäre ein interessanter Forschungsgegenstand für die wissenssoziologische Forschung über die derzeitige Geschichtswissenschaft, beispielsweise in Hinblick auf die Berufungspraxis an deutschen Universitäten.
[5] Ebd., S. 12.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 10.
[8] Danyel/Kirsch/Sabrow (2007), S. 13. Daher sind die Beiträge auch nicht chronologisch nach den Gegenständen der Bücher, sondern nach ihrem Erscheinungsdatum sortiert. Eine alphabetische Liste der vorgestellten Bücher vermisst man hingegen – das macht die Nutzung manchmal etwas schwierig.
[9] Raphael (2006), Bd. 1, S. 11f.
[10] Besonders frappierend im Beitrag von Ulrike Jureit zum LUSIR-Projekt (S. 174-177).
[11] Nur als Beispiel: Barner/Detken/Wesche (2003).
[12] Auch hier wird übrigens das Ungleichgewicht der Geschlechter deutlich: Die einzige Frau in der Riege der VerfasserInnen – Rahel Jaeggi – stellt die einzige Gesellschaftstheoretikerin – Hannah Arendt – vor.

Zur Autorin: 

Anette Schlimm M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, forscht zu Ordnungsdenken und social engineering bei Verkehrsexperten - und liest gerne Klassikertexte.

 

Bitte zitieren Sie nach der pdf-Version.

Wir schlagen folgende Zitation vor: Schlimm, Anette (2010): Klassiker aus zweiter Hand, in: fastforeword 1-10, S. 49-54.