Claudia Bruns (2008): Politik des Eros

Claudia Bruns (2008): Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934), Köln, Weimar, Wien: Böhlau. ISBN: 978-3-412-14806-5; 546 S.; 44,90 EUR.

Rezensiert von Andreas Schneider

Zu besprechen gilt es hier die 2008 erschienene Hamburger Dissertation von Claudia Bruns, in deren Rahmen das um 1900 insbesondere in Deutschland virulente Phänomen des „Männerbundes“ – einer von verschiedenen Wissenschaftsfeldern getragenen Konzeption, die vornehmlich auf die Legitimierung eines exklusiv männlichen Staatsverständnisses zielte – einer überaus gelungenen historischen Diskursanalyse unterzogen wird. Anknüpfend an Foucaults Machtverständnis und dessen Begriff der Gouvernementalität beabsichtigt Bruns, am Beispiel des Männerbunddiskurses den Zusammenhang von Macht-Wissen-Relationen und Subjektkonstitutionen aufzuzeigen: Während der Einsatz spezifischer Wissensformen aus Anthropologie, Ethnologie, Medizin, Psychoanalyse und Sexualwissenschaft die Konstruktion eines homoerotisch begriffenen Männerbundes legitimierte, waren diese aufs engste verknüpft mit Machttechniken, die zuvorderst über Strategien der Normalisierung und strikten Exklusion (insbesondere von Frauen, später dann verstärkt von Juden) funktionierten. Dabei offerierte das Konzept des Männerbundes neue Möglichkeiten der Selbstdeutung und Subjektivierung, wobei die Formierung eines männlichen Einzelsubjekts Hand in Hand ging mit der Konstitution eines maskulin kodierten Kollektivsubjekts (Staat).
En detail zeichnet die Autorin dieses ineinandergreifende Geflecht von Macht, Wissen und Subjektivierung am Beispiel des Schriftstellers Hans Blüher (1888-1955) nach, der 1912 in seiner Chronik des Wandervogels das Phänomen der Jugendbewegung mit Hilfe der Männerbundidee zu erklären suchte: „Indem er als erster und zugleich als Zeitzeuge dieses Phänomen aufgriff, darstellte und deutete, schuf er einen Bezugs- und Interpretationsrahmen, an dem sich die folgenden Generationen von Wandervögeln und jugendbewegten jungen Menschen abarbeiteten“ (S. 45). Hierfür rekurrierte Blüher auf diskursive Versatzstücke, die seit Ende des 19. Jahrhunderts im Umfeld der so genannten Maskulinisten formuliert worden waren. Diese Gruppe, die sich vorwiegend im Milieu der 1896 von dem anarchistischen Verleger, Buchhändler und Aktivisten der Homosexuellen-Emanzipation Adolf Brand gegründeten Zeitschrift Der Eigene versammelte, wandte sich dezidiert gegen jene Erklärungsmuster männlicher Homosexualität, die vor allem von dem jüdischen Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld vorgebracht wurden und die Konzeption der Figur des Homosexualen als geschlechtlichen Zwitter mit männlichem Körper und weiblicher Seele („Drittes Geschlecht“) bezweckten. Vielmehr hoben die „Maskulinisten“ ihre Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht hervor und betonten dessen besondere Leistungen, um dergestalt eine kulturelle Überlegenheit mannliebender Männer zu beanspruchen. Im Rahmen dessen wurde eine Biologisierung des Politischen vollzogen, die zur Etablierung neuer Normalitätsgrenzen führte: Während die Figur des maskulinen Homosexuellen in den Bereich des „Normalen“ integriert wurde, erfolgte andererseits eine umso schärfere Ausgrenzung effeminierter Männlichkeit sowie von Frauen und Juden. Wo Hirschfeld zur Normalisierung des Homosexuellen auf die Flexibilisierung der Geschlechterpolarität setzte, versuchten die Maskulinisten „über eine erneute Fixierung der Geschlechtergrenzen ein Kontinuum von homo- und heterosexuellem Begehren für alle Männer zu etablieren. Sie erweiterten die Begehrensstruktur des normalen Mannes hin zu einer Männlichkeit, die geschlechtliche und rassische Hegemonialität mit einer männlichen Homosozialität in Kultur und Staat verschmolz“ (S. 164f.).
Die Idee vom staatstragenden Männerbund gewann für die Zeitgenossen nicht zuletzt deshalb ein hohes Maß an Plausibilität, weil zwischen 1906 und 1908 eine Reihe von Skandalen um homosexuelles Begehren innerhalb des Führungskreises von Wilhelm II. zu einer bedeutsamen Popularisierung und Verbreitung des Wissens über den Konnex von Homosexualität, Männerbund und Politik führte. Zugleich waren die Skandale und deren negative gesellschaftliche Bewertung für Hans Blüher primärer Anlass, das Thema Männerbund einer expliziten Theoretisierung zu unterziehen und somit wissenschaftlich zu rechtfertigen. Dabei knüpfte Blüher an die maskulinistischen Positionen an, radikalisierte sie aber, „indem er mann-männliche Sexualität nicht nur für nützlich erklärte, sondern im Anschluss an Freuds erweiterten Sexualitätsbegriff zur Grundlage jeder sozialen Beziehung erhob“ (S. 192). Eine Entpathologisierung der männlichen Gleichgeschlechtlichkeit beabsichtigend, zog der Wandervogelchronist insbesondere die mehr oder weniger sublimierten „homosexuellen Triebkräfte“ als Erklärungsgrundlage für den Zusammenschluss männlicher Jugendlicher und ihre Hingabe an den Wandervogel-„Führer“ heran. Obgleich diese Deutung der Wandervogelbewegung innerhalb medizinischer, sexualwissenschaftlicher und psychoanalytischer Fachkreise durchaus zu überzeugen wusste, führte die Frage der homoerotischen Fundierung der Bewegung innerhalb des Wandervogels zu massiver Beunruhigung, intensiven Selbstbefragungen und kontroversen Debatten. Heftig angegriffen wurden Blühers Thesen vor allem aus dem Kreis völkisch gesinnter Wandervogelmitglieder, deren Vorwürfe wiederholt auf die „undeutsche“ und „ungermanische“ Gesinnung Blühers abhoben. Diese negativen völkischen Reaktionen zeitigten vor allem den Effekt, dass Blüher sich nun intensiver mit der „Judenfrage“ auseinanderzusetzen begann. Durch seine Hinwendung zum Antisemitismus vollzog Blüher „eine diskursive Bewegung mit, welche die gesamte Wandervogelbewegung am Vorabend des Ersten Weltkriegs eingeholt hatte“ (S. 386). Denn in dem Maße, wie die Frauen im Verlauf des Weltkriegs immer weniger aus der sich konstituierenden „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen werden konnten, verstärkte sich auch unter Blüher und seinen Mitstreitern die Gegnerschaft zum als „rassisch“ Andern verstandenen Judentum.
Eindringlich vor Augen geführt zu haben, dass und auf welche Weise emanzipatorische Absichten betont antiemanzipatorische Effekte zeitigen konnten, die sich hier in krassem Antifeminismus und Antisemitismus offenbaren, ist eines der großen Verdienste von Bruns’ Arbeit. Kleinere Mängel fallen hierbei nur wenig ins Gewicht, sollen jedoch der Vollständigkeit halber nicht verschwiegen werden: Zum einen macht sich die bereits mehrfach kritisierte zeitliche Ungleichgewichtigkeit des Untersuchungsgegenstandes negativ bemerkbar.[1] Während der Titel eine Analyse des Männerbunddiskurses zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus erwarten lässt, konzentriert sich die Autorin weitestgehend auf die wilhelminische Epoche. Dies lässt sich aufgrund des Umstandes, dass sämtliche Elemente des männerbündisches Diskurses bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden waren, gut begründen, versperrt aber den Blick für die Bedeutung, die das Männerbundkonzept für die Genese des Nationalsozialismus besaß. Hier müssen sich die Leser und Leserinnen mit einem zwölfseitigen Appendix über die Adaption der Männerbundidee durch den nationalsozialistischen Chef-Ideologen Alfred Baeumler begnügen. Zum anderen sei angemerkt, dass die gesellschaftliche Reichweite der analysierten Wissensformen zwar stets postuliert, aber selten zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung erhoben wird. So fällt beispielsweise auf, dass der im Zuge der politischen Skandale und gerichtlichen Prozesse um Homosexualität im Freundes- und Beraterkreis des Kaisers erfolgten Popularisierung der homosexuellen „Verbündelung“ durch die Massenpresse nur marginale Aufmerksamkeit zuteil wird (vgl. S. 170f.).[2] Abschließend bleibt noch zu notieren, dass die äußerst klug argumentierende Studie ein besseres Lektorat verdient gehabt hätte: Das Nichtübereinstimmen der Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis mit jenen im Buch, das mehrfache Nichtauflösen von zitierten Literaturkurzangaben sowie vermeidbare Redundanzen (vgl. etwa S. 274 und Anm. 33) stören den Lesefluss eines ansonsten uneingeschränkt empfehlenswerten Buches.

Literatur

Bergien, Rüdiger (2009): Rezension zu: Bruns, Claudia: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934), Köln, Weimar, Wien 2008, in: H-Soz-u-Kult, 4. August.
Bösch, Frank (2009): Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München: Oldenbourg.
Thomä, Dieter (2009): Und wie steht es mit der Männerfrage?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. März.
Müller, Stefan (2009): Zu Recht vergessen? Hans Blüher als Vordenker. Rezension zu: Bruns, Claudia: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934), Köln, Weimar, Wien 2008, in: Querelles-Net 10 (2009), Nr. 3.
Neumann, Thomas (2009): Rezension zu: Bruns, Claudia: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934), Köln, Weimar, Wien 2008, in: literaturkritik.de, Nr. 7, Juli.

Anmerkungen

[1] Vgl. die Rezensionen von Bergien (2009), Müller (2009), Neumann (2009) sowie Thomä (2009).
[2] Siehe hierzu aber jetzt Bösch (2009), S. 117-154.

 

Zum Autor:

Andreas Schneider M.A. studierte Geschichte, Anglistik, Soziologie und Politikwissenschaft in Oldenburg, Leiden (Niederlande), an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Freien Universität Berlin. Seit 2008 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) und am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen, wo er zum Thema „Televisuelle Geschichtsschreibung. Die Verbrechen des Nationalsozialismus im Fernsehen der Niederlande, Großbritanniens und der Bundesrepublik (1950-1995)“ promoviert.

 

Bitte zitieren Sie nach der pdf-Version.

Wir schlagen folgende Zitation vor: Schneider, Andreas (2010): Rezension zu: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934), in: fastforeword 1-10, S. 43-46.