Martin Lücke (2008): Männlichkeit in Unordnung. Homosexualität und männliche Prostitution in Kaiserreich und Weimarer Republik, Frankfurt/M. u. New York: Campus. ISBN: 978-3-593-38751-2; 360 S.; € 39,90.
Rezensiert von Vojin Saša Vukadinović
Ist von Prostitution die Rede, so ist fast immer diejenige gemeint, bei der das soziale Gefüge aus einer Prostituierten und aus einem Freier besteht. Die gängige Vorstellung des käuflichen sexuellen Aktes ist von einer solch rigiden geschlechtlichen Rollenverteilung besetzt, dass andere Konstellationen zumeist im Hintergrund bleiben. Dies gilt nicht nur für die Semantik der Prostitution – in deren Fall zu fragen wäre, welche Funktion es eigentlich hat, dass sie sich so persistent hält –, sondern auch für ihre historiografische Erforschung, trotz genügend gegenläufiger historischer Evidenzen. Eine davon hat Martin Lücke in Männlichkeit in Unordnung untersucht, einer Studie über Homosexualität und männliche Prostitution in Kaiserreich und Weimarer Republik.
Da männliche bzw. homosexuelle Prostitution stets im Verborgenen stattgefunden habe, so eine der einleitenden Thesen der Dissertation, sind ihre Geschichten vor allem an Hand institutioneller Dokumente und milieuimmanenter Praktiken zu rekonstruieren – in diesem Fall einerseits über die Strafrechtsdebatten und staatliche Einflussnahmen auf die Jugendfürsorge, die die männliche Prostitution ins legale Abseits des Kaiserreiches bzw. der Weimarer Republik zu verweisen versuchten, sowie andererseits und hierzu kontrastrierend mittels der Debatten innerhalb mancher Fraktionen der Homosexuellen-Bewegung selbst, die homosexuelles Sein zum Interventionsfeld um rechtliche Gleichstellung erklärten und in männlicher Prostitution vorwiegend ein Phänomen der Kriminalität sahen, von dem es sich abzugrenzen galt. Die rigiden institutionellen Bestrebungen, die sich im Kaiserreich dadurch auszeichneten, männliche Prostitution als „widernatürliche Unzucht“ zu verfolgen, begründeten ihr Handeln mit einer um Fragen der „Sittlichkeit“ – also Moral – kreisenden Argumentation, die sich in Form des sogenannten Homosexuellen-Paragraphen 175 von seiner Einführung 1871 bis zu seiner endgültigen Abschaffung 1994 insgesamt 123 Jahre lang halten konnte. Dies allein gibt bereits bestechende Auskunft darüber, in welchem Maße die historische Genese der Homosexualität auf juridische Subjektproduktionsbemühungen zurückzuführen ist, deren einflussreiche identitäre Nachwirkungen weit in die Gegenwart hinein reichen (Foucault spielt in der Arbeit übrigens eine weitaus kleinere Rolle, als es diese Stichworte vermuten lassen). Lücke zeigt, inwiefern die soziopolitisch legitimierte Form, die Männlichkeit in der Gesellschaft des Kaiserreichs und der Weimarer Republik annahm, aus einem Aushandlungsprozess zwischen der hegemonialen, als „sittlich“ gesetzten Männlichkeit einerseits und „unsittlichen“ Männlichkeiten andererseits hervorgegangen ist. Männlichkeit wird so als wesentliches Strukturprinzip sozialer Ordnung in Deutschland erkennbar, das eng an eine moralisch imprägnierte juridische Konzeption gebunden ist. Dies unterscheidet sie, wie der Autor kurz erwähnt, von den Praktiken anderer Länder: Französische Strafrechtsvorstellungen der Zeit etwa, die auch in Bayern und Württemberg vorherrschten, orientierten sich eher an individuell-persönlichen Rechtsgütern und nicht an hohlen Abstraktionen, für die „Sittlichkeit“ hier exemplarisch steht. Lückes Untersuchung zeigt, dass es sich bei der dominanten deutschen Männlichkeit um das Reservoir einer geschlechtlichen Kaste handelt, die sich auch durch männliche Prostitution herausgefordert fühlte, da sie die eigene Heterosexualität in einen krisenhaften Kontext von Labilität und Gefährdung überführte. Dem Titel der Arbeit folgend ließe sich sagen, dass es sich um eine in Unordnung geratene Männlichkeit handelt, die zur Selbstlegitimation dringend auf die Exklusion von Homosexualität und auf ein hierarchisches Verhältnis zu Frauen angewiesen ist. Dies erklärt, weshalb der männlichen Prostitution im Gegensatz zur weiblich-heterosexuellen ein prohibitiver Status zukam, um den herum sich ein ganzes Netz an sexualwissenschaftlichen und juridischen Instanzen entfaltete, und warum die männliche Prostitution nicht im selben Rahmen wie die weibliche verhandelt wurde, sondern vorwiegend ein Sujet der Diskurse um Homosexualität gewesen ist.
Die ausführlich dargestellten Aspekte geben der männlichen Prostitution eine Geschichte, an der weiter zu schreiben ist. Dabei sollte allerdings nicht davor zurückgeschreckt werden, auch jenseits institutioneller Debatten nach den Spuren sexuellen Agierens und dem Reagieren darauf zu suchen. So spielt die Frage nach der Funktion von Geld in der Konstellation Prostituierter/Freier in der Arbeit leider nur eine marginale Rolle. Geld mag zwar vorwiegend als Machtressource verstanden werden, es fungiert allerdings gleichermaßen als Begehrenssystem, das seinen eigenen Regeln folgt und diese über libidinöse Besetzungen zu inszenieren weiß. Eine Begehrensanalyse der männlichen Prostitution wäre sicher auch ohne die Reduktion auf eine psychoanalytische Perspektive denkbar, sie hätte aber eine von grundsätzlich anderen Fragestellungen geleitete Arbeit erfordert als die vorliegende, weswegen der Einwand nur ein kleiner bleibt. Was der Autor im Schlusswort einfordert, nämlich dass Analysen zu Männlichkeiten und Sexualität diese von ihren Randbereichen aus untersuchen sollten, um das zu verstehen, worüber vergangene Gesellschaften nur ungern Auskunft geben, hat er für den untersuchten Zeitraum selbst akkurat und aufschlussreich nachgezeichnet.
Vojin Saša Vukadinović M.A. studierte Geschichte, Germanistik und Geschlechterforschung in Freiburg und Basel und promoviert derzeit am Graduiertenkolleg "Geschlecht als Wissenskategorie" an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema "Antifeminismus und Homophobie in bundesdeutschen Linksterrorismus-Diskursen der 1970er und 80er Jahre".
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Wir schlagen folgende Zitation vor: Vukadinović, Vojin Saša (2010): Rezension zu: Martin Lücke (2008): Männlichkeit in Unordnung. Homosexualität und männliche Prostitution in Kaiserreich und Weimarer Republik, in: fastforeword 1-10, S. 47-48.