Gaston Bachelards „Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes“ – ein Klassiker der Wissenschaftsgeschichtsschreibung?

Von Andreas Schneider

I. Zum Auftakt

Der französische Philosoph und Wissenschaftshistoriker Gaston Bachelard (1884-1962) ist hierzulande ein eher unbeschriebenes Blatt. Einige der wichtigsten Werke des Franzosen wurden erst etliche Jahre nach dessen Tod ins Deutsche übertragen,[1] die Liste exegetischer und kommentierender Literatur in deutscher Sprache hält sich in überschaubaren Grenzen,[2] und eine Einführung, welche die rasche Aneignung der theoretischen Positionen Bachelards ermöglichen würde, sucht man auf dem deutschen Buchmarkt vergebens.[3] Ganz anders nimmt sich die Situation in Bachelards Heimatland aus: Hier werden seine zahlreichen Schriften (darunter allein 24 Monographien) in regelmäßigen Abständen neu aufgelegt und beständig einer Exegese unterzogen. Obgleich sich die Wirkung seines Werkes erst rund eine Dekade nach seinem Tod zu entfalten vermochte, zählt Bachelard in Frankreich mittlerweile unbestritten zu den herausragenden Philosophen des 20. Jahrhunderts. Bereits 1963 unterstrich Georges Canguilhem, ein Schüler Bachelards, in enthusiastischer Diktion die „Originalität“ der Ansichten seines Lehrers „gegenüber der traditionellen Wissenschaftsgeschichte“: „Indem er die Bedeutung der Wissenschaftsgeschichte so tiefgehend erneuert, indem er sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporgehoben, indem er sie zu einer philosophischen Disziplin ersten Ranges gemacht hat, hat Gaston Bachelard nicht nur einen Weg gebahnt: er hat eine Aufgabe gestellt. Ein Gedenken, das seiner würdig ist, darf nicht nur die Leere nach seinem Verlust spüren lassen; es muß vor allem die Sicherheit geben können, daß die Lektion dieses genialen Menschen nicht vergeblich sein wird.“[4] Und zwanzig Jahre später hob Michel Foucault, seinerseits ein Schüler Canguilhems, in einem Interview ebenfalls den herausgehobenen Status Bachelards hervor: „In dieser französischen Wissenschaftsgeschichte, die, wie ich glaube, ziemlich bedeutend ist, ist die Rolle Bachelards, von dem ich bislang nicht gesprochen habe, ebenfalls entscheidend gewesen.“[5] Angesichts solchen Lobes aus berufenem Munde erscheint es durchaus gewinnbringend, das Œuvre Bachelards einmal genauer zu betrachten. Allerdings werden die nachfolgenden Zeilen keine umfassende Werkanalyse en miniature bieten, sondern lediglich eine punktuelle Vergegenwärtigung von Bachelards Schrifttum. Anhand des 1938 in Frankreich erschienenen und 1978 ins Deutsche übersetzten Textes Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes soll zunächst das Neue an der wissenschaftsgeschichtlichen Konzeption Bachelards herausgearbeitet werden (III.). Daran schließt sich eine Diskussion der Klassizität bzw. des Klassikerpotentials des Textes an (IV.). Jener Begründung Moritz Baßlers folgend, die die Aktualisierbarkeit von Büchern betont,[6] soll ausgelotet werden, ob und wie sich mit Bachelards theoretischer Zugriffsweise heute noch produktiv Wissenschaftsgeschichte betreiben lässt. Den Abschluss dieses Essays bildet ein knappes Fazit (V.), doch beginnend sei ein kurzer Blick auf das bemerkenswerte Leben von „Gaston the magician“[7] geworfen (II.).

II. Biographischer und wirkungsgeschichtlicher Kurzüberblick

Ebenso wenig die soziale Herkunft wie auch der persönliche Werdegang während der ersten Lebenshälfte kennzeichnen Gaston Bachelard als einen prädestinierten Anwärter auf ein Ordinariat an der Pariser Sorbonne.[8] Dass der Sohn eines Tabakhändlers und Enkels eines Schuhmachers im stolzen Alter von 46 Jahren seine eigentliche Universitätskarriere beginnen konnte, die zehn Jahre später mit der Nachfolge seines Lehrers Abel Rey auf den Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte an der Sorbonne gekrönt wurde, mutet für das vertikal gegliederte und stark hierarchisch strukturierte französische Bildungs- und Universitätssystem geradezu sensationell an. Zudem wurde Bachelard 1884 weit abgelegen vom Pariser Zentrum in Bar-sur-Aube (Champagne) geboren, wo er seinen Lebensunterhalt zunächst als Studienaufseher am Collège von Sézanne und daran anschließend – lediglich unterbrochen durch einen einjährigen Militärdienst – als Postbeamter verdiente. Zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erwarb der unermüdliche Autodidakt seine licence in Mathematik, der er nach mehr als dreijähriger Fronterfahrung 1920 jene für Philosophie folgen ließ. Bereits 1919 begann Bachelard damit, Physik und Chemie am Collège seines Heimatortes zu unterrichten, ehe er 1927 mit dem Erhalt seines staatlichen Doktortitels eine akademische Laufbahn einschlug. 1930 erhielt er den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität von Dijon, um zehn Jahre später dem Ruf der Sorbonne zu folgen. Zeit seines Lebens blieb Bachelard, der seine ländliche Herkunft nie geleugnet hat, im akademischen Betrieb ein Außenseiter, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass sein Werk „eben alle Standarderwartungen, sowohl die der Philosophen und Wissenschaftstheoretiker als auch die der Literaturtheoretiker“[9] enttäuschte. Entsprechend wurde dem „philosophische[n] ,enfant terrible‘“[10] in Frankreich zunächst geringe Anerkennung zuteil, doch spätestens mit der Rezeption seiner Epistemologie durch Louis Althusser und dessen Schule, „die die Einsicht etablierte, in dem Gründer der historischen Epistemologie auch einen Vorstrukturalisten zu erkennen“,[11] ist Bachelards Werk aus der wissenschaftshistorischen und -theoretischen Landschaft seines Geburtslandes kaum mehr wegzudenken – ein Einfluss, der sich vor allem in der wissenschaftlichen Tätigkeit Georges Canguilhems, Michel Foucaults sowie seiner Tochter Suzanne Bachelard am Collège de France wie auch an der Sorbonne niederschlug.

III. Zur Struktur und Originalität der Bildung des wissenschaftlichen Geistes

Die erkenntnistheoretische Position, die Gaston Bachelard in seinem Werk Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes vertritt, konstituiert sich in zweifacher Weise ex negativo. Zum einen distanziert sich Bachelard vom Cartesianismus, zu dessen wesentlichen Elementen der Versuch der methodischen Begründung, „wie lediglich mit den Hilfsmitteln des Alltagsverstandes die Prinzipien wissenschaftlichen Handelns zu ermitteln und dann anzuwenden seien“,[12] gehört. Demgemäß heißt es bereits im Vorwort apodiktisch: „Eine wissenschaftliche Erfahrung ist also eine Erfahrung, die der gewohnten Erfahrung widerspricht.“[13] Diese Programmatik impliziert zugleich eine entschiedene Absage an den Positivismus, wie er etwa von Henri Poincaré 1920 in seinem Werk La valeur de la science formuliert worden war. Dort hatte Poincaré argumentiert, dass der „Gang der Wissenschaft nicht mit den Veränderungen einer Stadt“ gleichzusetzen sei, „wo die alten Gebäude unbarmherzig niedergerissen werden, um neuen Platz zu machen, sondern mit der kontinuierlichen Evolution der zoologischen Typen, die sich unaufhörlich weiterentwickeln und schließlich für den gewöhnlichen Blick nicht mehr erkennbar sind, während ein geübtes Auge in ihnen nach wie vor Spuren der früheren Arbeit vergangener Jahrhunderte“ wahrnehme.[14]
Gegen diese Anschauungen setzt Bachelard in zweifacher Weise die originäre Konzeption des epistemologischen Bruches (coupure épistémologique). Zum einen behauptet sie die strikte und notwendige Trennung zwischen alltäglicher bzw. natürlicher und wissenschaftlicher Erfahrung. Ein wissenschaftlicher Geist könne sich, so der französische Erkenntnistheoretiker, erst dann vollends ausbilden, wenn sich kraft einer „kognitiv-affektive[n] Regulation“ des Psychischen (S. 54) eine „Rationalisierung der Erfahrung“ (S. 83, Hervorhebung im Original) eingestellt habe: „So muß jede wissenschaftliche Bildung […] mit einer intellektuellen und affektiven Katharsis beginnen“ (S. 53). Dem Ziel der Erlangung einer wissenschaftlichen Bildung stünden jedoch zahlreiche erkenntnistheoretische Hindernisse (coupures épistémologiques) entgegen, die es in einem sukzessiven Emanzipationsprozess zu überwinden gelte. Zu diesen Erkenntnishindernissen, die in zehn Kapiteln ausführlich dargelegt werden, wird von Bachelard neben der „ersten Beobachtung“ (vgl. Kap. II), der „einheitlichen und pragmatischen Erkenntnis“ (Kap. V) sowie der „quantitativen Erkenntnis“ (Kap. XI) auch die Wirkmächtigkeit „sprachliche[r] Gewohnheiten“ (S. 127) und Metaphern hinzugezählt. So widmet sich Bachelard im fünften Kapitel seines Buches ausgiebig dem „mangelhaften metaphorischen Charakter der Erklärung durch den Schwamm“ (S. 130), die er beispielsweise in einem 1731 in den Mémoires de l’Académie royales des sciences erschienenen Artikel des französischen Naturforschers Réaumur sieht. Dieser hatte seinerzeit die Luft mit der Metaphorik des Schwammes beschrieben, um dergestalt erklären zu können, warum sich die Luft durch Gewichte außerordentlich komprimieren lasse und ihr Volumen in einem die Erwartung in beträchtlich übersteigendem Maße extreme Maße ausdehnen könne. Für derartige Erklärungsmuster hat Bachelard kaum mehr als Spott und Abneigung übrig, und für die Zitierung einer längeren, „so miserabel geschriebenen Passage“ (S. 129) Réaumurs sieht er sich gar genötigt, seine  Leser und Leserinnen um Entschuldigung zu bitten. In weiteren Kapiteln werden von Bachelard noch andere Bilder „wider die Vernunft“ (S. 130) zum Gegenstand der Analyse erhoben, so etwa die Idee des Keimes und des Samens im Kontext alchimistischer Experimente des 18. Jahrhunderts (vgl. Kap. X).
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle sämtliche Erkenntnishindernisse ausführlich zu referieren. Wichtiger ist die Betonung, dass Bachelard die hier angedeuteten Hindernisse bestimmten Stadien der Wissenschaftsentwicklung zurechnet. Damit ist die zweite Bedeutungsebene des epistemologischen Bruches angesprochen. Denn wie bereits erwähnt, lehnt Bachelard die Vorstellung einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis ab. Vielmehr ist für ihn die Wissenschaftsevolution durch markante Diskontinuitäten geprägt, die sich zeitlich exakt periodisieren ließen: So unterscheidet Bachelard drei „Zeitalter des wissenschaftlichen Denkens“ (S. 39), wobei das erste den „vorwissenschaftlichen Zustand“ (ebd.) repräsentiere. Diese Periode umfasse die klassische Antike, die Jahrhunderte der Renaissance sowie die Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Gefolgt werde diese vorwissenschaftliche Epoche von der Periode des „wissenschaftlichen Zustand[es]“ (ebd.), die sich vom späten 18. über das gesamte 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts erstrecke. Das sich daran anschließende „Zeitalter des neuen wissenschaftlichen Geistes“ (ebd.) datiert Bachelard auf das Jahr 1905, in welchem Einsteins spezielle Relativitätstheorie die Grundfeste der Naturwissenschaften zu erschüttern begann. Diesem dreistufigen Ablaufmodell entspricht Bachelard zufolge ein „Dreistufengesetz“, die der wissenschaftliche Geist in seiner individuellen Bildung durchlaufen habe. Dabei korrespondiere dem vorwissenschaftlichen Zeitalter die „konkrete Stufe“: „[D]er Geist erfreut sich hier der ersten Bilder der Erscheinungen und stützt sich auf eine philosophische Literatur, die die Natur verherrlicht und auf wundersame Weise zugleich die Einheit der Welt und ihre reiche Vielfalt besingt“ (S. 41). Hier werden in äußerst geraffter Form jene Erkenntnishindernisse skizziert, denen Bachelard in seinem Buch detailliert nachspürt. Die Periode des wissenschaftlichen Zustandes siedelt Bachelard auf der „konkret-abstrakte[n] Stufe“ an: „[D]er Geist trägt hier geometrische Schemata an die physikalische Erfahrung heran und stützt sich auf eine Philosophie der Einfachheit. Der Geist befindet sich in einer paradoxen Lage: er ist sich seiner Abstraktion um so sicherer, je deutlicher diese Abstraktion sich ihm in einer sinnlichen Anschauung darstellt“ (S. 41f.). Die abschließende neue wissenschaftliche Ära bildet für Bachelard den krönenden Abschluss einer (diskontinuierlichen) Entwicklung, die die immediate Anschauung durch pure Abstraktion ersetze: „[D]er Geist unternimmt hier Erkundungen, die sich der Anschauung des realen Raumes eigenwillig entziehen, die sich eigenwillig von der unmittelbaren Erfahrung lösen und sogar in offenem Widerspruch zur stets unsauberen, immer gestaltlosen primären Realität stehen“ (S. 42).[15]
Um den wissenschaftlichen Zustand zu erreichen, bedarf es gemäß Bachelard jener im Untertitel seines Buches angekündigten „Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis“. Wenngleich Bachelard den Begriff der Psychoanalyse nicht näher erläutert hat und sich in späteren Jahren explizit von ihm lossagte,[16] ist er von zentraler Bedeutung für den hier vorgebrachten wissenschaftstheoretischen Standpunkt. Denn in dieser Konzeption erhält die Philosophie, die von Bachelard aufgrund ihres mangelnden Kontakts zur Wissenschaft, welche die Distanzierung zur Alltagserfahrung zu ihrer Leitidee gemacht habe, heftig kritisiert wurde, eine neue, gewissermaßen psychoanalytische Funktion: als therapeutisches „,Über-Ich‘ der Wissenschaften“ soll sie „reflexiv von ihren starren Hypostasierungen befreit und zur bewußten Hüterin des wissenschaftlichen Wachsens gegenüber vorwissenschaftlichen Suggestionen gemacht werden“.[17] An dieser Stelle tritt ein weiteres originäres Moment der Bachelardschen Epistemologie zum Vorschein: nämlich die bedeutsame Stellung, die die Wissenschaftsgeschichte gegenüber der noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dominierenden Wissenschaftstheorie einnimmt: „Ähnlich wie im psychoanalytischen Verfahren, wo der Rekurs auf die diachronische Dimension den Gewinn einer selbstaufklärerischen Kraft in der Gegenwart ermöglicht, hat der wissenschaftshistorische Rückblick in die vergangenen Stadien des Erkennens eine Funktion der Selbstvergewisserung der Epistemologie.“[18] Folgerichtig nehmen die „überholten Etappen des Wissenschaftsprozesses“, jenes „Gruselkabinett der Vorgeschichte“,[19] einen zentralen Platz in Bachelards Ausführungen ein. Dabei kommt dem Irrtum der theoretische Primat zu, denn für Bachelard existieren keine ursprünglichen Wahrheiten, sondern lediglich ursprüngliche Irrtümer, über die sich der wissenschaftliche Geist Schritt für Schritt konstituiert hat: „Psychologisch gibt es keine Wahrheit ohne korrigierte Irrtümer. Eine Psychologie der Objektivität ist eine Geschichte unserer persönlichen Irrtümer“ (S. 344).

IV. Zwischen Epistemologie und Archäologie: Anmerkungen zur Aktualisierbarkeit der Konzeption Bachelards

Sicherlich stellt Gaston Bachelards epistemologisches Œuvre im Allgemeinen und Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes im Besonderen einen elementaren Beitrag zur Neuausrichtung der Erkenntnistheorie und Wissenschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert dar. Seine These von der Diskontinuität wissenschaftlicher Erkenntnis wurde vor allem von Georges Canguilhem aufgegriffen und auf andere Bereiche der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere auf die Medizin und Biologie, ausgedehnt. Darüber hinaus betrachtet so mancher Bachelard-Forscher dessen Konzeption als Vorwegnahme der Kuhnschen Thesen zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,[20] und obwohl sich Michel Foucault nicht als direkter Schüler Bachelards betrachtete, akzentuierte er zu Beginn der 1980er Jahre die Bedeutung, die diesem für sein eigenes Denken und die Ausarbeitung einer seriellen Geschichtsauffassung, deren zentraler Bestandteil der Begriff der Diskontinuität ist, zukam.[21]
Allerdings kann meiner Auffassung nach die Feststellung, dass Bachelard offenkundig auf das Denken wichtiger Vertreter der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte gewirkt bzw. deren Thesen vorweggenommen hat, noch nicht genügen, um ihn in den Rang eines Klassikers zu hieven. Vielmehr soll an dieser Stelle kritisch diskutiert werden, ob Bachelards Überlegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch anschlussfähig sind. Lässt sich, so wäre zu fragen, die Lektüre der Bildung des wissenschaftlichen Geistes produktiv nutzen, um auf anregende Weise Wissenschaftsgeschichte zu betreiben?
Zunächst sei auf einen Aspekt in Bachelards Schrift verwiesen, welcher zumindest das Potential für eine Aktualisierung zu bieten scheint. Ich denke hierbei an die Wirkmächtigkeit von sprachlichen Bildern auf die Forschungspraxis der „vorwissenschaftlichen“ Ära, die von Bachelard in mehreren Kapiteln seines hier vorgestellten Buches aufgezeigt wird (vgl. insbes. die Kap. IV, VIII, IX u. X). Allerdings betrachtet Bachelard Metaphern als den wissenschaftlichen Geist verunreinigende Elemente, von denen es sich zu emanzipieren gilt: „Eine Wissenschaft, die die Bilder hinnimmt, wird mehr als jede andere Opfer von Metaphern. Auch der wissenschaftliche muß unablässig gegen die Bilder, die Analogien, die Metaphern ankämpfen“ (S. 80). Dass eine solche Perspektive, die die Einflussnahme von Metaphern auf eine „vorwissenschaftliche“ Periode beschränkt sieht, heute kaum noch als akzeptabel erscheinen kann, hat nicht zuletzt Philipp Sarasin mit Bezugnahme auf die Bakteriologie und Immunologie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts betont. Im Anschluss an Ludwik Fleck argumentiert der Zürcher Wissenschaftshistoriker, dass Worte „kreisen“ und dabei stetig ihre Bedeutung verändern würden. „[…] [S]ie ,wandern‘ von einem Denkkollektiv zum andern, das heißt auch: von einem semantischen Feld ins andere; sie halten damit neben der jeweiligen Denotation auch ein konnotatives Assoziationsfeld offen – und sie halten sich überdies auch nicht an die schöne coupure épistémologique (Bachelard), die angeblich die Wissenschaft vom Alltag trennt.“[22]
Diesbezüglich ist Sarasin nur zuzustimmen. Aber auch in anderer Hinsicht mangelt es dem Text an dezidierten Anschlussmöglichkeiten. So erscheint mir, einem im Geiste der Postmoderne akademisch sozialisierten Leser, das ungebrochene Fortschrittsdenken in Bachelards Werk nicht nur problematisch, sondern als ein nicht enden wollendes Ärgernis. Wenn in der Bildung des wissenschaftlichen Geistes unablässig von „vorwissenschaftlichen Träumereien“ (S. 147), den „zurückgebliebenen Wissenschaften“ (S. 178) oder „subjektiven Wucherungen“ (S. 340) die Rede ist, so macht dies deutlich, dass Bachelard zwar nicht mehr von einem kontinuierlichen Fortschritt der Wissenschaftsentwicklung ausgeht, aber dennoch der jeweils nachfolgenden Stufe ein höheres Maß an Objektivität zubilligt. Die Korrektur der Irrtümer führt, so die Vorstellung Bachelards, schlussendlich zur „objektive[n] Wahrheit“ (S. 305). Konsequenterweise werden die „vorwissenschaftlichen“ Erkenntnisse des 18. Jahrhunderts als „wirre Vorstellungen“ (S. 191) und „Hirngespinste“ (S. 198) „trübe[r] Geister“ (S. 149) sowie von „Amateur[en]“ (S. 315) bezeichnet. So sehr man hierbei in Rechnung stellen muss, dass die Polemik zu Bachelards beliebtesten Stilformen zählt, so sehr macht sich an dieser Stelle der außerordentlich normative Charakter seines Unternehmens bemerkbar. Daraus hat er an anderer Stelle keinen Hehl gemacht: „Ich glaube, die Wissenschaftsgeschichte sollte keine empirische Geschichte sein. Sie sollte nicht in der Zerkrümelung der Fakten geschrieben werden, ist sie doch in ihren gehobeneren Formen wesentlich die Geschichte des Fortschritts in den rationalen Verknüpfungen des Wissens.“[23]
Ersichtlich wird, dass es sich bei Bachelards Entwurf um jene „epistemologische Geschichte der Wissenschaften“ handelt, die Foucault von seiner „archäologischen Geschichte“ unterschied. Während letzterer die „Wissenschaftlichkeit nicht als Norm“ diene, sondern vielmehr versuche, die „diskursiven Praktiken, insoweit sie einem Wissen Raum geben und dieses Wissen das Statut und die Rolle von Wissenschaft annimmt“, freizulegen, nehme erstere „die konstituierte Wissenschaft zur Norm; die Geschichte, die sie erzählt, wird notwendigerweise durch den Gegensatz zwischen Wahrheit und Irrtum, Rationalem und Irrationalem, Hindernis und Fruchtbarkeit, Reinheit und Unreinheit, Wissenschaftlichem und Unwissenschaftlichem gegliedert“.[24] Während die epistemologische Fragestellung eine horizontale Analyse-Ebene fokussiert und somit die Geschichte der Wissenschaften als eine „ihrer wachsenden Perfektion“ schreibt, interessiert sich die archäologische Erkundung der Vergangenheit in viel stärkerem Maße für die „Bedingungen“, durch die ein Ensemble von Wissen(schaft)sformen zu einem bestimmten Zeitpunkt ermöglicht wurde.[25]
Ferner erweist sich die strikte Trennung von vorwissenschaftlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Theorieproduktion als äußerst problematisch. Einmal abgesehen davon, dass diese Gegenüberstellung von der wissenschaftssoziologischen und wissenschaftsanthropologischen Forschung seit längerem grundlegend in Frage gestellt worden ist, reproduziert sie den seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entstandenen wissenschaftlichen Androzentrismus in Gestalt der Dichotomie von männlicher Rationalität und weiblich-kindlicher Emotionalität: Unablässig werden die in seinem Buch zitierten Forscher des 18. Jahrhunderts von Bachelard infantilisiert (vgl. insbes. S. 79) – entsprechend wird der „konkreten Stufe“ innerhalb des „Dreistufengesetzes für den wissenschaftlichen Geist“ das „kindliche oder mondäne Gemüt“ zugeordnet, welches „von naiver Neugier beherrscht“ (S. 42) gewesen sei. Dass mit dieser Infantilisierung vorwiegend männlicher Forscher auch eine Exklusion von Frauen als Subjekten der Forschung einhergeht, lässt sich nicht zuletzt anhand jener Passage im zweiten Kapitel der Bildung des wissenschaftlichen Geistes nachvollziehen, in der Bachelard dem leidenschaftlichen Alchimisten der „vorwissenschaftlichen“ Epoche den „Mann des Laboratoriums“ der Gegenwart gegenüberstellt, der nicht nur in der Lage zu sein scheint, „sein Gefühlsleben nicht mehr mit seinem wissenschaftlichen Leben“ zu vermengen, sondern obendrein abends nach getaner Arbeit sein Labor verlässt und an den „Familientisch“ zurückkehrt, „wo ihn andere Sorgen und Freuden erwarten“ (S. 97). Sicherlich bewegte sich Bachelard mit dieser gänzlich unreflektierten Zuschreibung innerhalb des damals herrschenden Geschlechterdiskurses – gleichwohl sollte diese vermeintlich geschlechtsneutrale Rationalitäts- und Subjektkonzeption im Werk Bachelards bei einer heutigen Aneignung stets mitbedacht und kritisch hinterfragt werden.

V. Fazit

Aufgrund der meines Erachtens begrenzten heutigen Anschlussfähigkeit des hier diskutierten Textes lässt sich die eingangs gestellte Frage nach seiner Klassizität durchaus bezweifeln. Doch trotz der hier geübten Kritik schadet eine Lektüre dieses Buches keineswegs. Denn zum einen werden hier die Grundlagen jener erkenntnistheoretischen Positionen deutlich, mit denen vor allem Michel Foucault seit den 1960er Jahren die Geschichte der Wissenschaften auf neue Fundamente stellte. Zum anderen bereitet der herzlich-polemische Stil, welcher überdeutlich die „tiefe pädagogische Neigung“ des ehemaligen Gymnasiallehrers Bachelard zum Ausdruck bringt, bei der Lektüre viel Unterhaltung und zeigt sehr deutlich, „wie sehr dieser Autor noch das liebt, was er kritisiert“.[26]

Literatur

Bachelard, Gaston (1974): Epistemologie. Ausgewählte Texte. Übersetzt von Henriette Beese, Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein.
Bachelard, Gaston (1987): Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis. Übersetzt von Michael Bischoff. Mit einer Einleitung von Wolf Lepenies, Frankfurt/M.: Suhrkamp [1938].
Baßler, Moritz (2005): Was blitzt und funkelt, in Reichtum und Fülle. Woran erkennt man einen Klassiker? Drei Thesen zum Umgang mit kanonischen Meistern, in: Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen, H. 1/2, S. 9-16.
Baumann, Lutz (1987): Gaston Bachelards materialistischer Transzendentalismus, Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang.
Brühmann, Horst (1980): ,Der Begriff des Hundes bellt nicht‘. Das Objekt der Geschichte der Wissenschaften bei Bachelard und Althusser, Wiesbaden: B. Heymann.
Canguilhem, Georges (1979): Die Geschichte der Wissenschaften im epistemologischen Werk Gaston Bachelards [1963], in: ders.: Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Wolf Lepenies, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Dubrulle, Gerard (1983): Philosophie zwischen Tag und Nacht. Eine Studie zur Epistemologie Gaston Bachelards, Frankfurt/M., Bern: Peter Lang.
El yaznasni, Mohamed (2002): Dialektik im epistemologischen Werk Gaston Bachelards, Marburg: Tectum.
Foucault, Michel (1974): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp [1966].
Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens, Frankfurt/M.: Suhrkamp [1969].
Foucault, Michel (2005a): Gespräch mit Ducio Trombadori [1980], in: ders.: Schriften in vier Bänden. Dits et ecrits, Bd. IV: 1980-1988, hg. v. Daniel Defert u. François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 51-119.
Foucault, Michel (2005b): Strukturalismus und Poststrukturalismus [1983], in: ders.: Schriften in vier Bänden. Dits et ecrits, Bd. IV: 1980-1988, hg. v. Daniel Defert u. François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 521-555.
Lepenies, Wolf (1987): Vergangenheit und Zukunft der Wissenschaftsgeschichte – Das Werk Gaston Bachelards, in: Bachelard, Gaston: Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis. Übersetzt von Michael Bischoff. Mit einer Einleitung von Wolf Lepenies, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 7-34.
Margolin, Jean-Claude (1983): Bachelard, Paris: Seuil.
Privitera, Walter (1990): Stilprobleme. Zur Epistemologie Michel Foucaults, Frankfurt/M.: Anton Hain.
Robertz, Egon (1978): Feuer und Traum. Studien zur Literaturkritik Gaston Bachelards, Frankfurt/M., Bern, Las Vegas: Peter Lang.
Sarasin, Philipp (2003): Infizierte Körper, kontaminierte Sprachen. Metaphern als Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte, in: ders.: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 191-230.
Schlimm, Anette / Luks, Timo (2007): Was ist und wozu Klassiker? Aufruf für eine zu füllende Rubrik, in: fastforeword. magazin 0-07, S. 35-36. URL: http://ffw.denkraeume-ev.de/0–07/klassiker–0–07.pdf.
Schmidt, Gerhard / Manfred Tietz (1980): Einleitung, in: Bachelard, Gaston: Die Philosophie des Nein. Versuch einer Philosophie des neuen wissenschaftlichen Geistes. Mit einem Essay von Joachim Kopper und einer Einleitung von Gerhard Schmidt und Manfred Tietz, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 7-16.
Smith, Roch C. (1982): Gaston Bachelard, Boston: Twayne Publishers.
Welsch, Wolfgang (1988): La formation de l’esprit scientifique, in: Volpi, Franco / Nida-Rümelin, Julian (Hg.): Lexikon der philosophischen Werke, Stuttgart: Alfred Kröner, S. 284-285.

Anmerkungen

[1] So wurde der hier im Mittelpunkt des Interesses stehende Text, der 1938 im französischen Original erschienen war, erst vier Jahrzehnte später ins Deutsche übersetzt. Auch das an Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes (frz. La formation de l’esprit scientifique) anknüpfende Werk La philosophie du non (1940; dt. Die Philosophie des Nein) wurde ebenso erst 1978 in deutscher Sprache veröffentlicht. Hingegen erfuhren die literaturtheoretischen Arbeiten Bachelards, etwa La psychanalyse du feu (1938; dt. 1950: Die Psychoanalyse des Feuers) oder La poétique de l’espace (1957; dt. 1960: Poetik des Raumes) in Deutschland eine wesentlich frühere Rezeption.
[2] Zu den wenigen Ausnahmen zählen insbesondere die Arbeiten von Baumann (1987), Brühmann (1980), El yaznasni (2002), Privitera (1990) sowie Robertz (1978).
[3] Siehe aber die englischsprachige Einführung von Smith (1982). Dass sich die deutschsprachige Rezeption Bachelards bis weit in die 1980er Jahre hinein äußerst spärlich ausnahm, ist gewiss auch im Zusammenhang mit der andersartigen Verfasstheit des wissenschaftlich-intellektuellen Feldes insbesondere der 1960er und 1970er Jahre, welches hierzulande vornehmlich von Kritischer Theorie und neomarxistischen Ansätzen dominiert wurde, zu sehen.
[4] Canguilhem (1979), S. 11, 19.
[5] Foucault (2005b), S. 533.
[6] Vgl. Baßler (2005). Siehe überdies den Aufruf für eine Klassikerrubrik in fastforeword von Schlimm, Luks (2007).
[7] Diese überaus liebenswürdige Bezeichnung erhielt Bachelard von einem ehemaligen Studenten, der auf diese Weise das didaktische Talent seines Lehrers, auch abstrakteste Inhalte in anschaulicher Weise vermitteln zu können, auf den Punkt zu bringen suchte. Vgl. Smith (1982), S. 1.
[8] Zur Biographie Bachelards vgl. die Passagen in folgenden Werken, auf die sich diese Skizze maßgeblich stützt: Dubrulle (1983), S. 5-8; Lepenies (1987), S. 8-12; Smith (1982), S. 4-7. Eine umfassende Biographie liegt meines Wissens bislang weder in deutscher noch englischer Sprache vor. Vgl. aber die in Frankreich erschienene Lebensbeschreibung Bachelards von Margolin (1983).
[9] Dubrulle (1983), S. 2.
[10] Ebd.
[11] Privitera (1990), S. 11.
[12] Lepenies (1987), S. 13.
[13] Bachelard (1987), S. 44 [Hervorhebungen im Original]. Weitere Zitate aus Bachelards Text werden im Folgenden im Fließtext ausgewiesen.
[14] Zit. n. Lepenies (1987), S. 16.
[15] Schmidt und Tietz (1980), S. 11, verweisen darauf, dass Bachelard die von ihm konstatierten Diskontinuitäten keinesfalls als totale Brüche begriffen habe. Vielmehr sei von ihm anstelle der Abfolge unvereinbarer Stadien das Vorhandensein von Resten früherer Stufen in der jeweils fortgeschrittenen Erkenntnisform diagnostiziert worden, die ein je individuell verschieden ausgeprägtes „epistemologisches Profil“ ergäben.
[16] Vgl. ebd. (1987), S. 22f.
[17] Privitera (1990), S. 16f.
[18] Ebd., S. 17.
[19] Lepenies (1987), S. 21, 18.
[20] Lepenies (1987), S. 25f.; Welsch (1988), S. 285.
[21] Foucault (2005a), S. 70.
[22] Sarasin (2003), S. 198.
[23] Bachelard (1974), S. 220f..
[24] Foucault (1981), S. 270ff. [Hervorhebungen im Original].
[25] Ders. (1974), S. 24f.
[26] Lepenies (1987), S. 9, 34.

 

Zum Autor:

Andreas Schneider M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) und am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen. Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Anglistik, Soziologie und Politikwissenschaft in Oldenburg, Leiden, an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin. Dissertationsprojekt zum Thema „Televisuelle Geschichtsschreibung. Der ‚Holocaust’ im westeuropäischen Fernsehen (1950-1990)“.

Bitte zitieren Sie nach der pdf-Version.
Wir schlagen folgende Zitation vor: Schneider, Andreas (2008): Gaston Bachelards 'Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes' - ein Klassiker der Wissenschaftsgeschichtsschreibung?, in: fastforeword 2–08, S. 38-47.